Kinder

„Das ist doch ein Mädchen. Das muss rosa…“ – Oder etwa nicht???

6. Juni 2017

Mädchen tragen doch rosa!

Mein zweiter Vorname lautet „Rosa“. Das ist einer Großmutter geschuldet. Trotz der quasi in die Wiege gelegten Affinität zur Mädchenfarbe rosa oder pink trage ich diese eher selten. In meinem Alter scheint das auch weniger ein Muss zu sein, als im Alter meiner Tochter. Offenbar sind meine langen Haare und die vor mir herwippenden Sekundärgeschlechtsmerkmale genug Hinweise darauf, dass ich zur Gattung „weiblich“ gehöre. Bei Dreijährigen ist das anders…  Eine alte Tante empörte sich ob der Kleiderwahl für meine Tochter und forderte mehr rosa für das Kind.

Der Mensch liebt klare Strukturen. Optisch nicht gleich geschlechtlich Identifizierbares wie die Kategorie Baby bis Kleinkind muss farblich gekennzeichnet werden. So soll der andere Mensch bitte aufgrund seiner Kleidung direkt einem Rollenprofil zuordenbar sein. Einfach. Aber wo soll man denn bitte das Kind Luca mit den halblangen Haaren und dem gelben Pulli hinstecken? Und welches Geschlecht bzw. welche Zukunft hat denn Kim mit dem Guns’nRoses-Bandshirt und der grauen Hose?

Geschmack über Gesellschaftszwang

Die Eltern von Luca und Kim verwirren. Sie machen die Kinder „ungeschlechtlich“ beziehungsweise „gender-neutral“. Wollen das die Eltern oder das Kind? Sind die Eltern etwa selbst irgendwie transgender und mit dem eigenen Geschlecht unzufrieden? Oder sind die Eltern modern und bereiten das Kind schon jetzt auf sich ändernde Geschlechterrollen in der Gesellschaft vor und befreien es von Zwängen? Oder mochten sie einfach den Namen Luca und Luca mag die Farbe gelb? Auf jeden Fall scheinen weder Eltern noch Kind in der gesellschaftlichen hellblau-rosa-Hölle gelandet zu sein. Und das verdient Respekt. Denn ehrlicherweise muss man sagen, etwas schönes Gelbes -und dann ohne Spongebob-Aufdruck- ist schwieriger zu finden als etwas in der Farbe rosa oder hellblau…

Vom geschlechtsneutralen Springseil zum rosa Einhorn-Kleber für Mädchen…

Früher kleidete man sich eher unisex als Kind (man trug die Kleidung der älteren Geschwister auf) und spielte mit geschlechtsneutralen Stofftieren oder Springseilen. Die Separierung in rosa und hellblau, in Prinzessin Lilifee und Käpt’n Sharky kam mit dem Überfluss. Den kleinen Unterschied zu nutzen ist dem Gedanken der Kapitalisierung entsprungen. Männer sind anders als Frauen, Jungs sind anders als Mädchen – das lässt sich doch bis zur Abstrusität aussschöpfen. Eltern fallen drauf rein… Gab es zu meiner Zeit nur einen gelben Kleber, stehen heutzutage der mit dem Piraten oder der mit dem Einhorn zur Auswahl – natürlich mit dem Hinweis „Bastelkleber Jungs“ bei Ersterem. Früher gab es Kinder, jetzt gibt es Mädchen und Jungs…

Von der Geschlechtertrennung zur Genderisierung

Um dem Wahnsinn entgegen zu wirken, gibt es neue Extreme – in Schweden gibt es die genderneutrale Vorschule Egalia, in welchem klassische Rollenbilder verboten sind. Zur Gleichstellung der Kinder nutzen die Erzieher statt der bezeichnenden Pronomen „sie“ und „er“ einfach „es“… Feministische Linguistinnen wie Luise Pusch setzten durch, dass im Duden seit 2006 neben „man“ auch „frau“ steht, Österreich änderte 2011 genderkonform gar seine Nationalhymne: Aus „Heimat bist Du großer Söhne“ wurde „Heimat großer Töchter und Söhne“. Ob das in Zukunft automatisch die Gleichstellung in z.B. Gehältern sichert, sei dahin gestellt. Es ist ein Schritt…

Meine Kind darf rosa und blau…

Meine Tochter muss zukunftsorientiert (Ressourcenschonung) die blauen Jacken der Brüder auftragen. Sie darf dennoch ab und an einen glitzernden Einhorn-Anstecker hinpinnen. Ich finde in einer Zeit wo zwar Klebehersteller einen Geschlechterunterschied zelebrieren, aber Düsseldorfer Schleckfrisuren-Typen mit rosafarbenen Hemden umherrennen und sowohl Oberbefehlshaber der Bundeswehr sowie Staatschef Frauen sind, ist das eine gute Mischung…

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3 Comments

  • Reply Coole Mamablogs bei den Coolen Blogbeiträgen der Woche | Sabienes 7. Juni 2017 at 4:59 am

    […] Blog Mami und Gör gefällt mir schon vom Namen her sehr gut. In diesem Artikel hinterfragt die Mami die Tatsache, dass Mädchen wohl immer Rosa tragen müssen/wollen/sollen […]

  • Reply Ella 7. Juni 2017 at 11:52 am

    Liebe Bettina, also das in Schweden mit dem ES finde ich ja auch zu extrem. Wir kommen halt nun mal mit sich unterscheidenen Geschlechts-Teilen auf die Welt und es ist doch okay, dafür unterschiedlich Namen zu haben. Warum immer mehr Firmen auf den Zug Geschlechter-Produkte und Geschlechter-Werbung aufspringen ist auch klar: Wir haben wieder einen allgemeinen Nachhaltigkeits-Trend. Wie du auch sagst, deine Tochter trägt die Jungsklamotten auf, wir kaufen aller vermehrt Second-Hand, Kleiderkreisel, eBay und Kleinanzeigen. Immer mehr nachhaltige Produkte lösen die Wegwerf-Produkte ab, mit denen Firmen ihr Geld verdienen. also versuchen sie jetzt nicht nur einen Kleber zu verkaufen, sondern einen Kleber für Mädchen und der ist dann natürlich nochmal 15 % teurer 😉

    • Reply Mami und Gör 7. Juni 2017 at 6:04 pm

      Vielen Dank. Ich hoffe sehr, dass es wieder ein vermehrten Bewusstsein gibt und auch die Hersteller weg vom Jungs-Mädchen-Klischees wieder zu Qualität für Alle finden…

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