Erwachsene

Dorfdisko-Revival-Party. Muss ich hin!?

11. November 2019
Getränkeglas mit Schriftzug der Dorfdisko

Es war einmal eine Dorfdisko…

Zur Zeit bekomme ich zahlreiche Hinweise über Facebook: RUSH Revival-Party am 27. Dezember. Freunde der Heimat schreiben, wir müssen hingehen. Party so wie früher. Gleicher DJ, gleiche Musik und -wenn Alle kommen- auch gleiche Leute wie früher, also wie 1995. „Des wird subba!!“
Vorab sei gesagt: die Location existiert nicht mehr. Unsere Dorfdisko wäre für Berlin-Mitte-Standards ein Underground Club gewesen. Eine schiefe, niemals TÜV-konforme, abgenutzte Zementtreppe führte die zuhauf Wartenden in die zerrockte erste Etage. Dort verteilte der langhaarige, bärtige Disko-Chef (=zudem einziger Taxiunternehmer des Ortes) am Eingang die Stempel. Die Disko bestand aus nur einem Raum – keine Fluchtmöglichkeit, verrammelte Fenster. Wenig Sauerstoff, wenig Licht. Rechts war die Bowle-Bar, relativ mittig der DJ und die kleine Tanzfläche. Dahinter, etwas erhöht die Ecke der Coolen. Unsere Ecke. Wie soll das denn im modernen Ausweich-Etablissement funktionieren?

Zeit der Dorfdisko vs heute

Was funktionieren kann, sind die Leute aus der Dorfdisko. Zu Weihnachten besuchen viele die Eltern, beziehungsweise die Großeltern der eigenen Kinder. Man trifft sich wieder daheim. Einige wurden erwachsen. Aus dem Flieger wurde wieder der Christian, aus dem Eimer Michael, aus Ente wieder Andrea, aus Dave Olli, aus dem Popel wurde der Bob. Vorbei sind die Zeiten, als man freiwillig die Stahlkappen-verstärkten Schuhspitzen von Autos überrollen ließ, als man sich die Fingerkuppe beim Butterfly-Messerspiel abhakte, als man sich -ganz Jackass– die Schnapsflaschen auf dem eigenen Kopf zerschlug. Als man sich Shaun-Palmer-mäßig eine Clownsfrisur schneiden ließ, ein Augenbrauenpiercing trug oder sich die Augenbrauen gleich komplett wegrasierte. Schirmmützen werden nun aufgezogen und nicht mehr nur auf dem Kopf abgelegt, Babypuder wird fürs Baby benutzt, Handtaschen nicht mehr als Waffe verwendet. Keiner trinkt mehr Berentzen Afpelkorn. Aber im Inneren steckt eben noch das sechzehnjährige Ich in Jedem und will wieder mit dem Achtzehnjährigem Ich des Anderen feiern, trinken oder schneißen…

Wer wackelt denn da so schön?

Was definitiv funktioniert ist die Musik aus den Zeiten der Dorfdisko. Ich erinnere mich noch an den Schritt-vor-Schritt-zurück Move der V-Pulli-Mädchen zu „All that she wants“, an das abwechselnde Kniehochziehen -mit nach vorn ausgestrecktem rechten Zeigefinger- der Skater zu Cypress Hill und die verwunderten Blicke Aller beim Stimmungskiller Runway Train. Zum Techno-Vorreiter-Hit „Das Boot“ gehörte in unserer Dorfdisko ein sehr eigenwilliger Tanzstil mit wirbelnden Händen und -bei Profis- weißen Handschuhen. Wunderlich fand ich auch immer den sogenannten „Freestyle“, bei welchem -so not free- Alle Dasselbe machten. Ich gehörte zur Fraktion Tanzflächen-Randsteherin – ich tanzte nicht, ich ließ mich unterhalten. Links die Zigarette, rechts -leicht eingedreht und auf der Hüfte abgestützt- die Bierflasche. Ab und an wurde die Zigarette durch einen Kirschlolli ersetzt, denn in der Underground-Dorfdisko war die Toilettensituation „schwierig“, also ging ich zum Italiener nebenan und nutze dort das sauberere Klo. Dafür musste ich konsumieren – einen Kirschlolli für 20 Pfennig. Das wars wert…

Wir treffen uns in 1995!

Wir hatten die D-Mark, gefälschte Schülerausweise und Angst, dass uns die Eltern für Alle sichtbar abholen. Wir bekamen den ersten Kuss und den ersten Freund. Wir hatten UNS. Innig. Und genau deswegen werde ich auf die Revival-Party gehen. Es wird ein Wiedersehen mit der alten Heimat, mit der Vergangenheit, mit den Freunden, die man in München nicht trifft. Eine Zeitreise zurück in die 90-er: ich darf wieder sechszehn sein – und diesmal ohne Akne! Ich darf sogar mit Demselben von früher knutschen! Und der darf dann sogar bei uns im Haus übernachten!!! Dafür nehme ich auch die rauchfreie moderne Location in Kauf. Denn zumindest muss ich dort nicht zum Nachbarn, wenn ich auf die Toilette will.

DJ Vitus – ich bin dabei! Sofern der Türsteher mich reinlässt…

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