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Ich war nackt! Wie der Mann Hochzeit mit Nudistencamp vereint

28. April 2019

Eine Reise, eine Erwartung, ein Versprechen

Endlich Gründonnerstag… Der Tag, an dem meine Osterferien beginnen. Der Mann und ich sind eingeladen auf eine Hochzeit am Bodensee – ohne Kinder. Diese dürfen vier Tage bei den Großmüttern im ländlichen Alpenvorland verweilen. Auf zu den Omis – Kinder raus. Wir tauschen noch den Familienbus gegen einen einen silberpfeiligen* Straßenflitzer und fahren der sehnsüchtigst erwarteten Erholung entgegen. 350 Kilometer Reise durch das schöne Bayernland. Strahlender Sonnenschein, unendliche Ruhe – vor uns ein Versprechen von Entspannung und Erholung – und ein Versprechen der Liebe von Freunden an welchem wir teilhaben dürfen.

Sonnenbrand Teil I – Der Weg ins Nudistencamp

Nach knapp 40 Kilometern müssen wir die geplante Reiseroute verlassen. Unsere Freundin die Sonne zeigt uns ihre Macht indem sie uns kleine Pünktchen ins Gesicht zaubert. Binnen kürzester Zeit bekomme ich Pigmentstörungen. Die Haut des Mannes ähnelt ebenfalls einem rot-beige-bräunlichem Rorschachtest. Vom Drogeriemarkt mit Faktor 50 ausgestattet gehts wieder on the road. Nur kurze Zeit später greift der Hunger an. Um einer anfliegenden Magersucht zu entgehen, entscheiden wir uns für einen Döner. Den finden wir in einem kulturzentrumsartig anmutenden türkischen Imbiss, in welchem alle Gäste -außer uns- von zwei identisch aussehenden bärtigen, doch glatzköpfigen Hünen per Wangenkuß und herbem Handschlag begrüßt werden. Der Dürum mit Schafskäse mundet…
Der Mann stellt fest, dass ein weiterer Hüne zu nah an sein Auto hinparkt. Er blickt skeptisch als der Hüne seine Autotür öffnet. Wir fahren wieder. Doch nach der ersten Ecke stoppt der Mann und kontrolliert die Beifahrerseite. Er vermutet der dritte Hüne hat eine Delle verursacht. Mich schwindelts. Was hat der Mann nun vor? Möchte er alle türkischstämmige Hünen gegen sich aufbringen? Will er die Polizei? Will er Nasenbeinbruch? Er schnaubt. Er fährt mit der Handfläche über die Beifahrertüre. Ich kann nicht erkennen, ob das Rot seines Gesichts von der Sonne oder von der Wut kommt. Er schnaubt wieder und blickt gen Himmel. Weise entscheidet er sich fürs Weiterleben. Wir setzen unsere Reise fort und kommen ohne weiteren Stopp an – im Nudistencamp…

Das Nudistencamp. Warum so überrascht???

Wir stehen vor unserem Wellness-Spa ausgezeichnetem Hotel. Sehr neu, sehr modern. Sehr schön – direkter Seezugang. Große Vorfreude. Beim Check-In werden wir mehrmals aufgeklärt, dass wir uns bereits im Zimmer umziehen sollen. Ich wundere mich etwas – denn wo sonst würde ich mich in einem Hotel umziehen. Schon wieder der Hinweis: „Im Zimmer umzieha. Des isch bei uns aso.“ Ich denke mir: „Genealogisch mag ich nicht Deinem allemannischen Volk angehören, aber auch bei uns zieht man sich im Zimmer um…“ Am Ende wird es klar: „Und weil des Alles tekschtilfrei is, sin Handys verbota.“ BITTE WAS?? Ich schaue auf den Mann. Herr Lohse ist nicht mehr rot, sondern weiß. Nervös zuppelt er sein Handy hervor. Weder Buchungsbestätigung noch Hoteldarstellung auf der TUI-Seite verraten den Nacktzwang. Davon wurde er nicht in Kenntnis gesetzt, moniert er. Die Rezeptionistin antwortet: „Auf unsara eigena Webite steht des scho. Aba des isch doch au schee.“

Sonnenbrand Teil II – Entspannen im Nudistencamp

Nach dem Schock sind wir abends in ein italienisches Restaurant ausserhalb unsereres Hotels gegangen. Es war dunkel, als wir heimkamen und wir konnten direkt -angezogen- ins Bett. Beim Aufstehen ist es uns klar: Heute müssen wir es wagen. Den ganzen Tag nackt. Ausser beim Frühstück, denn zum Essen herrscht Kleidungspflicht. Wir frühstücken aussergewöhnlich lange. Und dann, dann endlich lassen wir die Hüllen fallen. Ich reserviere Liegen ganz vorne am See, sodass uns nur der Anblick stillen Gewässers erfreut, wenn wir von unseren Lektüren aufblicken. Ich bin eingehüllt in einen Bademantel und eine Fleecedecke. Und trage verbotenerweise sogar eine Unterhose. Ich fühle mich total verrucht so bekleidet…
Bis auf ein paar Mal, als sich rund 40 Saunagänger in Lemmingsart gleichzeitig sich in den 9°C kalten See stürzen, sind wir ungestört. Ich kann lesen. Ich kann entspannen. Der Mann ist noch nicht entspannt. Ich finde es super. Gehe in die Sauna. Gehe in den Onsen. Bin auch nackig.
Ich könnte jetzt von vielen einzelnen nackten Bildern berichten. Tue ich nicht. Nur so viel: Herr Lohse fühlte sich unwohl – beschnitten auf mehreren Ebenen seiner Existenz.

Was lernen wir vom Nudistencamp?

Wir haben wieder etwas dazu gelernt. Obwohl wir freigeistig sind, sind wir nicht freizügig. Man sollte sich bei der Hotelbuchung IMMER auch die Hotelwebsite ansehen. Wenn ein Spa-Hotel über übermäßig schöne Saunen, sowie ein traditionell nackt zu besuchendem Onsenbad verfügt, ist die Wahrscheinlichzeit auf Badehose gering. Nudisten brauchen keinen großen TV im Zimmer. Nicht jeder Saunagänger ist ein Nudist. Nicht jedes Spa-Hotel ist ein Nudistencamp.

Die Hochzeit war wunderbar. Wie im Märchen. Im Weinberg über dem See. Alle waren hübsch gekleidet. Niemand war nackt. Auf der Heimfahrt von unserem Nudistencamp am Hodensee (musste sein…) hörten wir uns den päpstlichen Ostersegen „Urbi et Orbi“ an. Von allen Sünden befreit konnten wir dann frisch, fromm, fröhlich, frei und angezogen mit unseren Familien Ostern feiern. Die Großmütter bekamen einen Hotelgutschein…

*“silberpfeilig“. Kein Silberpfeil!

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