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München: Ode an die Stadt, die Wiesn und das Ende

3. Oktober 2017

München – Die Stadt, die keine Stadt ist?

Im Mai veröffentlichte Max Scharnigg seinen „Grant“ auf die Stadt München – dieser Beitrag wurde tausende Male auf facebook geliked und geteilt. Warum? Weil es schon so viele Artikel über Münchens Vorzüge gibt und sich ENDLICH einer mokiert über fehlende Parkbänke… Toll – wieder ein Grund zur Beschwerde! Das deutsche Herz jubelt. Natürlich hat er in manchen Punkten recht, aber dennoch weiß er, dass es keine bessere Stadt gibt, schließlich wohnt auch er noch immer hier…
Der Gatte ist Berliner und wohnt in München. In Berlin geht er ins Kater Blau, in München ins Wirtshaus. Er denkt Berlin sei besser, ich weiß München ist es. Ein Vergleich dieser Städte ist einfach nicht möglich, hat München doch einen funktionierenden Flughafen und schmeckendes Bier. Dazu noch die Nähe zu Bergen und Seen, Englischer Garten, stehende Wellen, Biergärten, viele Sonnenstunden und rhetorische Großmeister wie dereinst Karl Valentin, Strauß und Stoiber. Das ist nur eine kleine Auswahl… Und doch hat die Weltstadt mit Herz einen unstädtischen Ruf. Einer der „Founding Members“ des Berliner SOHO-Houses erklärte mir, dass in München niemals ein SOHO-House sein werde, da München zu wenig international, zu wenig weltoffen und zu wenig angesagt sei. Der Gute war wohl noch nie auf der Wiesn…

Ein Volk? Ein Fest! Ein München für Alle…

Es gibt wohl wenig Städte, die mit einer Festivität so eng verknüpft sind wie München mit dem Oktoberfest. Es gibt wohl wenig Lokaltraditionen, die von Nicht-Münchnern, Nicht-Bayern und Nicht-Deutschen so stark mitgefeiert werden wie das Oktoberfest. Zwar sind die Meisten der rund sechs Millionen Besucher direkt aus München und dem Umland, doch kommen immerhin knapp 20 Prozent aus dem Ausland einzig und allein für einen Festbesuch. Und zu diesem kleiden sich „traditionell“. Ich kenne kein anderes Fest, in welchem sich „Auswärtige“ derart dem regionalem Brauchtum verschreiben wie zur Wiesnzeit: Der Chinese in der Lederbux, der Kiwi, der versucht bairisch zu singen, die Araberin, die sich freut den Busen zeigen statt verhüllen zu müssen. Und zwischendrin die rheinländische Glitzerdirndl-Dame.

Grenzenlose Freude für Alle…

Dass in den achtzehn Tagen Oktoberfestzeit Ausnahmezustand herrscht, merkt man nicht nur auf dem Festgelände sondern überall. Mami-Blogger vernachlässigen das Schreiben, Handynetze funktionieren nicht, Taxis kommen nicht, man schafft es kaum über den Viktualienmarkt ohne Aggression. Des Nächtens ist der Gärtnerplatz lauter als sonst, tagsüber sind noch mehr Segway-Touritouren oder Bier-Conferencebikes unterwegs. Und auf dem Festgelände sieht man tausende glückliche Menschen, die bei Sonnenschein Maß und Hendl genießen und sich denken: „Gott mir Dir Du Land der Bayern“… Es/ man ist voll, es ist toll… Vom champagnerspritzenden präpotenten Investmentbanker im Weinzelt, über den gerade Volljähigen Neuburschenschaftler im Schottenhammel bis hin zum zwirbelbärtigen Urgestein im Augustiner Biergarten freut sich ein Jeder. Es ist eine echte Freude, eine Freude, die man teilt. Und darin liegt das Geheimnis: in München findet ein Fest statt, das Alle miteinander vereint dank der Erfüllung von einfachstem Verlangen: gutes Essen, gutes Bier, Freude und Spaß. Da kann das SOHO-House nicht mithalten…

Aus is und gar is und gut is, dass wahr is…

Heute ist der letzte Tag. Bis auf ein paar wenige Tage war auch diese Oktoberfest mit Sonne gesegnet. Bayerntypische Scharen von Sicherheitspersonal sorgten für eine friedliche Wiesn, flinke Kellner für eine niemals trockene Kehle. Teufelsrad, Schichtl, Krinoline, Riesenrad und Oide Wiesn erfreuten auch heuer wieder die Traditionalisten unter den Wiesngängern. Die von mir beherbergten Wiesnbesucher sind nun wieder abgereist – gen Berlin, gen Amsterdam*, gen Frankfurt. Alle werden wiederkommen. Heute Abend werden die letzten Wiesnmaßn ausgeschenkt, das Schützenzelt verabschiedet sich mit einem Meer aus Wunderkerzen und dem Lied „Weil’s  Herz hast wie a Bergwerk“ bis ins neue Jahr. Tränen werden fließen. Alles Gute hat ein Ende. Das muss so ein, denn sonst wird man des Guten überdrüssig und man verlernt es zu schätzen. Ein Prohosit auf die und mit der letzte Maß 2017!
Langsam, ganz langsam wacht man auf aus dem Wiesntraum und der Normalzustand kehrt wieder ein. Das erste Anzeichen ist die Wiesngrippe. Dann folgt die Weihnachtsdeko. Das Jahr geht zu Neige. Wir wissen, dass es auch nächstes Jahr wieder ein „O’zapft is!“ geben wird. Bis dahin geben wir in Teilen Max Scharnigg recht, empören uns über fehlende Parkplätze und dass das SOHO-House denkt wir wären kleinbürgerlich. Wir wissen, dass zumindest einmal im Jahr die Welt zu uns kommt und dann gerne wäre wie wir.
ENDE.

 

*An dieser Stelle möchte ich meinem Besuch aus Amsterdam, einem -nicht prä-, sondern HOCHpotentem Banker und Trader-  für den Neologismus „Schampus-Schlampe“ danken. Hiermit werden wohl burstzeigewillige Damen bezeichnet, die durchs Weinzelt stackseln und der Meinung sind der Ruinart aufs unternehmerische Spesenkonto sei besser in ihren Gläsern als beim Verspritzen aufgehoben und sagen „Ich hätte gerne Champagner umsonst.“ Ich finde so viel Ehrlichkeit im Weinzelt bewundernswet…

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1 Comment

  • Reply Trennung. Out with the Old- in with the New! Traut Euch! Trennt Euch! 8. November 2017 at 10:30 am

    […] passiert immer das Gleiche: die Rückschau auf Vergangenes und der Plan für Künftiges. Nach der Wiesn kommt sehr schnell die „Zeit der Besinnung“. Mir fiel auf, dass in letzter Zeit viele […]

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