Entdecken, Mami fährt weg

Pfingsten auf Sylt. Kann man. Muss man??

19. Juni 2017

Pfingsten auf Sylt

Ich war zum ersten Mal 2004 auf Sylt. Schuld war der jetzige Gatte beziehungsweise dessen Eltern. Denn diese haben sich zu DDR-Zeiten -wie viele West-Berliner- ein Stückchen wirkliches Westdeutschland sichern wollen, um einen Zufluchtsort vor dem gemeinen Russen zu haben und kauften ein Häuschen auf Sylt. Diese West-Berliner aus dem Osten erfreuten sich auf der Insel einer typisch ost-deutschen Leidenschaft: FKK. So lernte ich meine Schwiegereltern in spe am Nacktbadestrand auf Sylt „wirklich“ kennen. Folglich ist mein erster Eindruck von der Nordseeinsel: nett, einigermaßen naturbelassen, nackt. Im Laufe der Zeit änderte sich sowohl der Anblick der Nackten, wie auch mein Blick auf die Insel. Früher war man im Sommer dort. Oder im Herbst. Oder im Winter. Heutzutage trifft man sich zu Pfingsten auf Sylt…

Pfingsten auf Sylt: Alle sind da. Und das Wetter ist auch da.

Damit Alle da sein können, müssen Alle hinkommen. Das bedeutet „ALLE“ nutzen die wenigen Wege auf die kleine Nordseeinsel. Von „daheim“ bis zum schwiegerelterlichen Haus sind es knapp 1.100km. Weil zu Pfingsten Flüge für fünf Personen plus dortigem Mietwagen fernab jeglicher Preis-Sinnhaftigkeit sind, fahren wir mit dem Auto. Einmal komplett durch die Republik, drei Kinder unter acht hinten drin, 1.100km. Wir brauchen -staubedingt- ganze 20 Stunden!!! Denn blöderweise fahren ja ALLE nach Sylt, jeder Ungläubige hat das verlängerte Pfingstwochenende und Rock am Ring liegt auch noch auf dem Weg… Noch im Auto buche ich ein Zugticket zurück – niemals wieder 20 Stunden Autofahren mit drei kleinen Kindern!!! Ab ungefähr Stunde 13 erkennen wir das meteorologische Süd-Nord-Gefälle. In München hat es 27°C, bei Hannover 20°C. Auf Sylt -laut Handy- 14°C… Wenn wir von München aus 1.100km gen Süden statt gen Norden fahren würden, wären wir an der Mittelmeerküste zwischen Rom und Neapel, Temperatur 29°C. 20 Stunden Fahrt in den Regen- ich bin begeistert.
Laut Wettervorhersage erwartet uns eine Woche um die 15°C mit Sonne, Regen, Wind auf Sylt. Laut facebook-timeline erwarten uns rund 50 Freunde an der Buhne 16, dem Sylter Pfingst-Ballermann. Alle sind schon da. Regen und Ruinart – das ist Pfingsten auf Sylt. Wir kommen…

Wie es nun wirklich war…

Am ersten Abend, dem Samstag vor Pfingsten, treffe ich mich mit 11 Freunden im Gogärtchen in der Kampener Whiskymeile. Der Urlaub startet also mit Klischee. Das Essen ist hervorragend, der Wein ebenso, die Stimmung am Tisch ausgelassen – es ist laut, es ist lustig. Es ist ein äußerst feiner Start, nach einer äußerst unschönen Anfahrt. Zugegebernmaßen sind viel zu viele Menschen unterwegs. Stört mich nicht, denn ich mag auch die Wies’n… Am überraschend sonnigen Pfingstsonntag treffen wir uns mit weiteren kinderreichen Freunden an der Sansibar. Wieder Klischee. Neben uns sind noch tausende weiterer „Pfingsten auf Sylt“-Menschen da, sodass wir nur Platz auf den Stufen finden. Zumindest haben wir so freie Sicht auf unsere Kinder am Spielplatz – dem Spielplatz mit der Mercedes-gesponsorten-BobbyCar-Rutsche… Man mag vom Sansibar-Wirt und seinem Drang zum Merchandise halten was man will, Service und Essen sind wirklich gut. Lustig wird es als meine Freundin in ihrer gewohnt subtilen Art mit dem Satz „Ich hätte so gerne Sashimi, aber eigenlich soll ich ja wieder Mal keinen rohen Fisch essen.“ die Einleitung zur Ankündigung ihrer Schwangerschaft mit Kind Nr vier findet und der wieder-werdende Vater unablässlich Rosé von seinem Lieblingsweingut MAGNUM bestellt. (Ein rheinisch-jovialer Witz). Am Ende führte der Bald-Vierfach-Vater mit seinem V-Pulli einen verbitterten Kampf, den der Pulli klar gewinnt. Auch Treppe und Sand-Kieselweg zeigen sich ihm als gefahrvolle Gegner, die „erlegt“ werden wollten. Pfingsten auf Sylt hinterlässt eben Spuren…

 

Ab Pfingstmontag ist die Insel fast leer. ALLE haben wohl genug gefeiert und fuhren wieder zurück nach Berlin, Hamburg, Bremen oder ins Rheinland. Nun wird es wirklich schön – die Strände sind leerer, frei von wummernden Bässen und pink-bepulliten Düsseldorfern. Die Dichte an Louis-Vuitton-Taschen im Sand sinkt. Die Sonne scheint. Wir haben eine gefüllte Kühlbox und Plastikweingläser. In diesem Zustand ist Sylt wunder-wunderschön. Die Dünen, das Meer, die Brise – Entspannen im Strandkorb… Die Kinder rennen, buddeln, hüpfen in der Gischt. Nun ist es ein Traum, dieses Pfingsten auf Sylt…

Am Dienstag gibt es einen Wetterumschwung – Böen mit knapp 100km/h fegen über die Insel hinweg und bringen kaltes Wetter und endlosen Regen. Zur Folge hat es, dass wir statt Strand nun alle (beiden) kindertauglichen Schlecht-Wetter-Optionen nutzen und erst im Naturgewaltemuseum und dann in der Sylter Welle (Hallenbad) landen. Einmal noch zu Gosch in List – das war es. Mehr ist leider nicht zu tun bei wirklich schlechtem Wetter. Zur Folge hatte es für uns eine frühere Abreise…

Das Pfingsten auf Sylt-FAZIT

NICHT SO GUT: Pfingsten auf Sylt ist anstrengend – denn ALLE sind dort… Die Preise sind dementsprechend noch höher, die Restaurants noch voller als üblich. Es mutet ein bisschen an wie eine Mischung aus Ballermann (am Strand) und norddeutsch-blasmusiklosem Oktoberfest-Verschnitt (Whiskymeile). Das Ganze natürlich mit mehr GUCCI als kik… Bei schlechtem Wetter, das im Juni eben mal vorkommt, gibt es leider nicht wirklich viele Alternativen für Kinder.

 

SEHR SEHR GUT: Pfingsten auf Sylt ist sehr lustig – denn ALLE sind dort. Wenn man sich selbst am Strandkorb mit dem nötigsten Wasser und Rosé versorgt, mit Freunden plus Kindern abends im Garten grillen kann, ist es wunderschön. Bei gutem Wetter ist die Insel traumhaft und hat viel Charme und Charakter. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, gibt es kaum ein schöneres Urlaubsziel…

Merken

Merken

Merken

Merken

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply