Kinder

Übertrittszeugnis: Hysterische Eltern und das Günasium

6. Mai 2019

Übertrittszeugnis – nur dafür sind wir in der Grundschule!

Endlich war es soweit: das Übertrittszeugnis. Jene Bestätigung, auf die man seit der EInschulung hinarbeitet. Der Beweis, dass das Kind zu höherem geboren ist – was man als kümmernder Elternteil schon IMMER wusste… Das einzige Ziel der Grundschule. Lesen, Schreiben, rechnen zu lernen sind schöne -auch kausal wichtige- Nebeneffekte. Das Wichtigste ist aber das Übertrittszeugnis. Das wird einem spätestens in der zweiten Klasse klar, wenn die ersten Elternabende zur Information über weiterführende Schulen anstehen und andere Elternteile mit den ersten Noten (ab 2. Halbjahr der zweiten Klasse) fragen: auf welches Gymnasium geht IHR denn?
Wir haben es geschafft, die Grundschule ist quasi vorbei. WIR haben das Übertrittszeugnis! Und was nun?

Das Übertrittszeugnis sagt: Mein Kind wird Entwicklungsvorstand bei BMW!

Seit Beginn der vierten Klasse herrscht nervöse Aufregung. Wird mein Kind es schaffen? Jede Note wird unter die Lupe genommen. Jede „3“ wird seziert. Die Klassleitung wird seziert. „Kann man hier nicht noch ein Auge zudrücken? Sie wissen doch, der Emil will unbedingt auf’s Wilhelm…“ „Ich finde das ist schon die Ziffer 5. Er schludert eben beim Schreiben und es sieht manchmal aus wie eine 3.“ und gerne „Was haben SIE denn davon, dass Sie ihr die schlechtere Note geben?“
Natürlich ist mein Sohn hier und da um einen halben Punkt an der besseren Note vorbei. Er hat er auch seine Hausaufgaben selten vollständig gemacht. Die Lehrerin ließ mich wegen der Hausaufgaben in Ruh‘, ich sie wegen des halben Punkts. Ich akzeptierte stillschweigend (auch weil ich das ganze Außmaß der Hausaufgaben-Verweigerung nicht kannte…). Dieses kollegiale Nebenher, die hohe Intelligenz des Sohns und die daraus resultierenden Noten erlauben ihm nun Entwicklungsvorstand bei BMW zu werden. Er hat die „Gymnasial-Empfehlung“ im Übertrittszeugnis…

Wenn das Übertrittszeugnis Verwirrung erzeugt…

Kaum war das Übertrittszeugnis in meinen Händen, kamen die ersten Anrufe und Mails. Wer geht aufs MTG? Wie hoch sind die Chancen auf’s Luisen zu kommen? Wer möchte eine Fahrgemeinschaft zum Anna bilden, denn der Weg mit der Tram ist beschwerlich – sind doch da auch andere -fremde- Menschen in der Tram… Gehen wir in eine potentielle Streicherklasse? Ich grübelte – Streicherklasse, was ist das? Streben alle Kinder eine Karriere als Innenraumausstatter an? Spielen alle Kinder Violine? Der Maileingang quillt über – natürlich sind ALLE Eltern ALLER vierten Klassen in „cc“!! Aus einer Ecke kommt: „MTG lehnt 2017/2018 fast 20 Kinder ab!“. „Gerne Fahrgemeinschaft – egal wohin. Öffentlich geht GAR NICHT!“ „Das Luisen hat kein Spanisch ab der 9.!“ „Im MTG gab es letztes Jahr viermal Läuse!

Haben wir nicht Alles schon vor dem Übertrittszeugnis beschlossen?

Mich schwindelt… Was tun? Kann man Entwicklungsvorstand mit Fachabitur werden? Wird das Kind in Zukunft Hausaufgaben machen? Ist das Kind zu schlau für die Realschule? Warum weiß das Kind noch nicht, was es einmal werden will???
Ich bleibe dabei. Trotz der ausdrücklichen Empfehlung das Kind zum Abitur zu prügeln, geht der Sohn nichts auf’s Gymnasium. Zum Einen, weil er immer noch Günasium dazu sagt. Möglicherweise eine Erblast, nennt der Vater das ebenso. Zwar hat der Abitur, aber aus Berlin. Und da geht man entweder auf’s Günasium oder es reicht für’s Abi wenn man von neun Buchstaben immerhin sieben richtig hat… Zum anderen geht der Sohn nicht auf’s Günasium, weil ich ihn nicht zum Abitur prügeln will.

Lieben Dank Übertrittszeugnis, dass wir entscheiden dürfen…

Das Kind ist schlau. Aber das Kind ist faul und macht nicht alle Hausaufgaben. Das Kind ist KIND!!! Und das soll es bleiben – möglichst lange. Und daher geht das Kind als Kind auf die Realschule um die Ecke. Ganz profan. Denn die Mutter hofft, dass das Kind Spaß hat und vielleicht mal in Richtung Kunst geht. Wie gesagt: es gibt viel zu viele schlechte BWL’er und zu wenig gute Schreiner… Letztendes entscheidet das Kind. So oder so. Unser Schulsystem ist zum Glück durchlässig und erlaubt zudem den zweiten Bildungsweg. Also kann der Sohn entscheiden – immer wieder.

Und wenn er nicht BMW-Entwicklungsvorstand werden will, habe ich immerhin noch drei weitere Kinder, die es werden wollen sollen…


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