Erwachsene

Meine besinnlose Weihnachts-Wahrheiten

23. Dezember 2016

Sei aktiv zum Weihnachtsfeste!

Und auf einmal geht es mir wie den Öffentlichen Nahverkehrsbetrieben: Ich bin überrascht, dass Winter ist und dass am 24. Dezember schon wieder Weihnachten ist. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich letzte Woche -wie die drei Monate zuvor- noch in Miami am Strand lag – bei 28 Grad Celsius. Nun bin ich also wieder hier im kalten Bayern – adios Miami (dazu folgt bald mehr…). Ich bin wieder daheim. Morgen kommt das Christkind. Daran besteht kein Zweifel. Egal wo man hinsieht, Alles deutet auf weihnachtlichen Konsum hin. Und auf erzwungene Besinnung. Schau doch, wie gut es Dir geht…
So und nun renn schnell los, spende an irgendjemanden irgendwas und das Allerwichtigste: KAUF ETWAS! BACK ETWAS! MACH ETWAS! BESINN DICH! Und schon stellen sich Fragen: Warum muss ich denn schon wieder so aktiv werden? Wie soll ich mich denn bei dem Stress besinnen? Und ganz ehrlich: Geht es Allen so, dass sie Weihnachten vergessen und daher schon ab Mitte Oktober erinnert werden müssen, dass man so besinnfreit hyperaktiv werden muss?

Die Paradoxa des Weihnachtsfests:

  1. Das Fest der Liebe
    Das Fest der Liebe – bitte, das ist genauso logisch, wie dass der Osterhase bunte Eier bringt… Beim Zusammentreffen der Generationen und der angeheirateten Sippschaft ist die Liebe oftmals nur bedingt erkennbar. Ja, es hat einen Grund, warum man nicht mehr im Heimatdorf der Großeltern wohnt. Ja, es hat einen Grund warum man sich nicht in den Mann der Schwester verlieben würde. Und bei uns hat es sogar einen Grund, warum der Gatte nicht mit des Schwagers Bruder kommunizieren kann. Ersterer kommt aus Berlin, Letzterer aus einem 300-Einwohnerdorf in Niederbayern – sie haben verschiedene Arten „deutsch“ zu sprechen. Ich bin mir sicher, sie würden sich lieben, wenn sie sich verstünden. Wobei das „Verstehen“ gerade oftmals zum Streit führt. Und der Alkohol. Und dann die Besinnlichkeit auf Ehrlichkeit „Was ich Dir schon immer mal sagen wollte…“ Und dennoch: Ich freue mich auf den lustigen Weihnachts-Abend bei Mami daheim. Denn er ist bei Mami daheim. Das bedeutet: Ich bin nicht die Gastgeberin! Die Rolle der verantwortungsüberhäuften Hausherrin übernimmt dieses Jahr dankenswerterweise meine Mutter. Hier sei erwähnt, dass Mami so schlau ist und das Thema Kochen an Profis abgegeben hat. „Der liefert’s. Dann muss I des nur im Rohr warmhalten!“.
  2. Selbstgemacht ist es doch am Besten…
    Meine Mutter lässt liefern – sie kennt ihre Qualitäten. Sie ist ehrlich. DAs sind nicht Alle. Ab Oktober häufen sich die Rezepte für Weihnachtsplätzchen, Christstollen oder auch „vegane Alternativen zu Gänsebraten“ in den Medien. Sämtliche Blogger der Nation fühlen sich berufen ihr Fachwissen an der Rührschüssel zu teilen und zum Selbermachen aufzurufen. DIY – muss sein an Weihnachten… Hat so was Persönliches… Ich kaufe Plätzchen. In meiner Küche finden sich weder Gewürznelken noch Zimstangen. Warum auch? Ich weiß, dass der ausgebildete Bäcker- und Konditormeister es um Längen besser kann als ich. Selbst die output-optimierte Backmaschine bei Nestlé kann es. Ich bin die Tochter meiner Mutter. Nicht-existentes Expertenwissen und schlichtweg fehlende Feinmotorik gilt in meiner Familie auch für DYI-Christbaumschmuck. Bei drei Kindern, die jeweils mit einem Jahr in die bastelaffine Fremdbetreuung kamen, würden sich unförmige Salzteig-Dinge, Strohdinge oder Cellophan-Staniolpapier-Dinge häufen. IKEA kann es besser. Sehen auch die Kinder. Also hängt IKEA. Das Kinderwerk wird verschenkt – Andere stehen ja offensichtlich auf das Selbstgemachte, kommt ja von Herzen. Ich würde gerne wissen, ob die DIY-Damen auch ihre Betten selber schreinern, ihre Schuhe selber schustern oder ihre Klamotten selber nähen. Oder ob es doch nur eine weihnachtliche Zeitgeisterscheinung ist, dem ausgebildeten Handwerk seine Daseinsbereichtigung zu nehmen…
  3. Du musst DAS und DAS und DAS (selber) machen, aber Weihnachten ist die Zeit der Besinnung…
    All die tollen Tipps, wie man das Fest der Feste noch festlicher machen kann, erfordern einen gewissen Zeitaufwand. Sei es eben das Backen, das „wie-binde-ich-meinen-Adventskranz-so-dass -er-zum-Rest-meiner- auf -Trendfarbe-2016-getrimmten-Wohnung-passt-Selbstgebastle“, oder die Vorbereitung zum perfekten Dinner an Heilig Abend, am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag. Und die hochmodernen Weihnachts-Brunches. Und dann noch die GESCHENKE. Auch die dürfen nicht einfach in Geschenkpapier eingewickelt werden, sondern es bedarf einer origami-ähnlichen Faltkunst, dass das Geschenk optisch schon verpackt was hermacht, bevor es in die zerstörerischen Kinderhände fällt. Wie zum Henker soll ich mich besinnen, wenn Weihnachten doch einfach nur purer Stress ist? Und auf was soll ich mich denn besinnnen?
  4. Der besinnliche Jahresrückblick. Ach hör‘ doch auf. Das Jahr war SCHEISSE!
    Wie jedes Jahr so gab es auch heuer (bayerisch für „in diesem Jahr“) den Jauch’schen Rückblick. Doch anscheinend hat es diesmal Keinen interessiert – nur 4,28 Milionen Zuschauer sahen die Show. 2011 waren es noch 8,46 Millionen. Vielleicht lag es daran, dass das Jahr 2016 einfach beschissen war. Zuviele Gute sind gestorben. Es gab den Münchner Amoklauf und den Anschlag in Berlin. Es gab Bataclan und Nizza. Ja, auch in vergangenen Jahren gab es Tragödien, aber diesmal erschienen sie schlimmer, weil sie uns auch persönlich erwischt haben. So ist der Mensch eben. Aleppo ist weiter weg als das Olympia-Einkaufszentrum. Ich weiß, dass meine Familie und ich dankbar sein sollen – uns geht es gut, vielleicht zu gut. Aber muss ich denn zu Weihnachten auf die viele Tragödien schauen um mir dessen bewusst zu werden? Oder sollte ich vielleicht das ganze Jahr mal über den Tellerrand blicken und am Jahresende einfach nur zum nächsten Jahr schauen dürfen statt auf ein weltweit beschissenes Jahr 2016?
  5. Besinnen, Entsinnen, Unsinn…
    Sich besinnen bedeutet auch auf der Suche nach Orientierung und Sinn zu sein. Früher gaben Kirche und Tradition den Weg vor. Heute muss man sich den Weg selber suchen – jeder für sich. Und irgendwie auch für das Allgemeinwohl. Man entsinnt sich der eigenen Fehler und hofft diese in Zukunft zu vermeiden. Man steckt sich neue Ziele, hoffentlich fernab von Modeerscheinungen. Für sich, für die Familie. Besinnen ist anstrengend, denn es erfordert Selbstreflexion. Als wäre das ganze Weihnachts-Brimborium nicht schon anstrengend genug. Und trotz der ganzen hektischen Phasen des Weihnachtsfests hat es eben doch etwas Besinnliches. Es ist immer mit Optimismus verbunden. Es zeigt immer einen Anfang, einen Neubeginn… Vielleicht reagieren besonders Mütter auch einfach immer emotional, wenn sie ein halbnacktes Baby im Strobett sehen…
  6. Die „Du brauchst mir nichts schenken Lüge“
    Die undankbarsten Zu-Beschenkenden sind Eltern oder Schwiegereltern. Denn meisten kommt: „Ach, ich hab doch Alles. Ich freu mich, wenn ich Euch sehe.“ Auch hier sei erwähnt, dass meine Mutter pragmatisch, anders ist und ganz konkret gesagt hat: „Von Dir will ich ein schönes Fotobuch.“ Ja, das hilft – ganz ohne Druck. Den Kindern wird das konkrete Ausdrücken des Geschenkewunsches in Form eines Wunschzettels abverlangt, Erwachsene aber dürfen sich so vage halten mit Sätzen wie „Irgendwas für den Wintergarten“? Was soll das? Bei all dem Besinnen kann man doch auch einen klaren materialistischen Gedanken fassen und sagen, was man will. Und wenn man sagt, dass man nichts will, dann muss man auch zufrieden sein, wenn man nichts bekommt. Immer diese schwer enttäuschten Gesichter, wenn man sich an das Vereinbarte  „wir schenken uns nichts“ hält, der Andere dann aber doch mit „Ich hab‘ Dir auch eine Kleinigkeit besorgt…“ um die Ecke kommt. Mir passiert das nicht. Ich will  IMMER etwas. Ich bereite mich auch das ganze Jahr vor und sammele Geschenkideen für mich. Auch für die Kinder. Die bekommen seit letztem Jahr nur noch „Ereignisse“. Weil ich glaube, dass ein Besuch beim FC Bayern Spiel mit dem Patenonkel viel cooler ist als das hundertste LEGO Ninjago Set. Und ausserdem muss ich die Ereignisse nicht aufräumen. So einfach…

Um Missverständnisse zu vermeiden: ICH LIEBE WEIHNACHTEN. Und werde es im größeren Familienbunde feiern. Wir Sxhwestern haben zusammen sieben Kinder. Wir gehen als vier Erwachsene mit fünf Kindern zwischen acht Jahren und 16 Tagen in die Kindermette in meinem Heimatdorf. Wir werden zu spät sein und die Köpfe drehen sich dank des Knalls der 400 Jahren alten Türe in unsere Richtung. So sieht auch der Pfarrer, dass wir da sind. Wieder zuhause ziehen wir uns noch festlicher an und entzünden die Lichter am Baum. Dann gibts Geschenke. Dann Geschrei wer das viele viele Papier nun draussen in der Kälte in die Papiertonne stopfen muss. Dann gibts das gelieferte Essen. Mindestens drei Gänge. Und Wein. Davor, dazwischen und danach wird gesungen. Laut und falsch. Dann besinnen wir uns. Dann gibt es wieder Wein – fast bis zur Besinnungslosigkeit. Und das alle Jahre wieder… Ich freu‘ mich!

In diesem (Be)Sinne:

FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!

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