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Wiesn 2018 – Angriff der Glitzerdirndl!

15. September 2017

„O’zapft is“ – gleich…

Morgen geht es also los. Das 184. Oktoberfest, genannt die Wiesn startet. Dann fallen sie wieder ein – die Trinknomanden und Realitätsflüchtlinge aus dem Norden, dem Süden, dem Westen, dem Osten. Als Münchner kann man sich nicht davor schützen, man kann sich nur wundern. Nicht allein über die Bereitwilligkeit lange Anreisen und überteuerte Zimmerpreise für einen Vollrausch auf sich zu nehmen, sondern auch wie wenig die Biertouristen über den eigentlichen Grund der Feierlichkeit, über die Traditionen oder über die hiesigen Verhaltensregeln wissen. Lustig ist es zu sehen, wie gerne Jeder in diesen zwei Wochen versucht bayerische Lebensweise auszustrahlen oder gar bairisches Liedgut zu singen – lustig ist zu sehen, wie Jeder in den nächsten zwei Wochen gerne ein echter Bayer wäre…

Ein Mann geht auf die Wiese…

Ein Ich-bin-zwar-Preuße-kann-das-aber-auch-Beispiel: Der dereinst geehelichte preußische Gatte versucht seit über zehn Jahren sich sprachlich zu akklimatisieren. Dennoch geht er auch heuer wieder „auf die Wiese“ und bestellt samt Krefelder Kumpel „ein paar Maaase Bier“. Gewandet ist er -dank mir- höchst traditionell, mit richtiger Hirschlederner, Charivari und dazu auch Haferl-Schuh‘, die er jedoch als „Häufele-Schuhe“ betitel. Er hat es gerne, wenn Dinge direkt aufgrund ihres Namen einer Funktion zuzuordnen sind –  sein bairisches Lieblingswort ist „Gaudi-Nockerl“, ein Begriff für Brüste…

Wenn der Preuße dann in Bayern…

Selbstverständlich versucht der Preuße nicht direkt als solcher aufzufallen – und tut es dennoch. Falsches Schuhwerk, Doppelkragen hoch, Landhausstil oder Glitzerdirndl verraten ihn. Selbst wenn er sich zuvor in feinsten Lodenfrey-Zwirn gehüllt hat, ist zum Beuspiel der Snob-Preiß  immer an der Art wie er auf der Wiesn das Bier bestellt zu identifizieren. Kaum sitzt er am reservierten Tisch, winkt der nordrheinische Society-Sproß mit seinem Plastikarmbändchen-bestücken Arm hysterisch der Wiesnkellnerin und plärrt: „Mach ma ’ne Runde Maaas für Alle.“ Dann empört er sich kurz über den Bierpreis und zuppelt alle Gutscheine zusammen, die er wiederum ohne ausreichend Trinkgeld an die Bedienung weitergibt. Ein Kopfnicken in ihre Richtung als mini-Danke ist genug bevor der Tischoberkaspar dann selbst ein „Oins, zwoi, gesuffah“ anstimmt. Den Fehler, eine rund 20 Kilogramm an Glas und Flüssigkeit stemmende Wiesnkellnerin als jemanden anzusehen, der einen schlichtweg BEDIENT und nicht schon von Beginn an zu würdigen, bezahlt er mit langem Warten auf das nächste Hopfengold. Er ist empört und will nun einen Schampus…

Im Anhang das Glitzerdirndl

Begleitet wird der gelfrisierte Erbe immer von einem Tross Glitzerdirndl-Mädchen. Auch diese sind sofort der Gattung „Nicht-Einheimisch“ zuzuordnen, denn Alles was sie am Leibe tragen entspricht nicht im entferntesten dem Sinn eines Dirndls. Dass ein Dirndl eine Schürze hat, ist schon der eigentliche Hinweis, dass es sich im Ursprünglichsten um ein Arbeitgewand handelt. Im Laufe der modischen Globalisierung trägt jedoch die hyaloronbelippte Rheinländerin nun auch gerne ein Dirndl, jedoch natürlich eines, das nicht im entferntesten an eine Arbeit mit Schurzbedarf erinnert. Am besten ist es in Minirock-Version, gerne mit Tüllunterrock, hinten eventuell ein Reißverschluß und vorne ganz ganz ganz viel Glitter und Pailetten. Richtig prima ist, wenn der Ausschnitt zeigt, dass Herr Mang und Kollegen gute Arbeit vollbracht haben. Ziel der Glitzerdirndl-Damen ist -das glaube ich- eine ganze Maß auf der Oberkörperpolsterung abstellen zu können, so sehr werden die armen Gaudinockerl nach oben gezwängt. Zusätzlich entlarvt sich das Glitzerdirndl-Anhängsel als Wiesn-bestell-Novizin, indem sie fragt ob sie auch ein Glas Prosecco oder -im Notfall tut es auch das- eine Weißweinschorle haben könnte…

Bayern, des samma mir…

Mit ist durchaus bewußt, dass auch ich nicht die Eigenheiten eines Volksfestes in Botswana kenne und ich erkenne zumindest den Versuch des Glitzerdirndls an. Auch ist mir klar, dass der Bayer sprachliche Sonderkompetenz innehat, kann er doch ohne Probleme die Vokale „a“ und „o“ miteinander kombinieren und zudem auch den Konsonanten „g“ mit einem fast beliebig anderen Konsonanten verbinden, siehe „gsuffa“, „gfeiert“ oder „d’Gurgl“. Das kann eben nicht jeder. Aber jeder muss eben auch nicht auf die Wiesn gehen…

Die Cathy macht die Wiesn bunt…

Ich muss jedoch zugestehen, dass das bunte Völkchen der Touristen die ganze Wiesn noch interessanter, abstruser macht. So gibt es bereits am Münchner Hauptbahnhof Stände, die mit „Leatherpants. Real Cotton. No Paper“ werben. Der Unsinn erklärt sich hier von selbst. Oder auch der Kotzhügel zu Füßen der Bavaria. Warum merken die Amerikaner nicht, dass Geruch und Farbe der einstigen Wiese allein menschengemacht ist und setzen sich in Gruppen dorthin? Dann noch Schaumstoffhüte in Bierfaß-Form, diverse spezielle Oktoberfest-Paarungs-Apps oder die neue Trachtenkollektion von Cathy Hummels. Faszinierned sinnlos.

Doch frei von allen Vorurteilen freue ich mich auch auf das morgige  „O’zapft is“ und den folgend fließenden Gerstensaft. Wie sicherlich viele Andere werde auch ich meinen Krug erheben und zuprosten „Auf eine friedliche Wiesn“ – ich selbstverständlich nicht im Glitzerdirndl…

 

PS: Empfehlenswert ist der twitter-account der Münchner Polizei und #wiesnwache. 2016 erfreute der Account mit  Meldungen wie:

Bildquelle: Leihgabe der hervorragenden Kabarettistin Liesl Weapon.

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1 Comment

  • Reply München: Ode an die Stadt, die Wiesn und das Ende 3. Oktober 2017 at 10:29 am

    […] Es gibt wohl wenig Städte, die mit einer Festivität so eng verknüpft sind wie München mit dem Oktoberfest. Es gibt wohl wenig Lokaltraditionen, die von Nicht-Münchnern, Nicht-Bayern und Nicht-Deutschen so stark mitgefeiert werden wie das Oktoberfest. Zwar sind die Meisten der rund sechs Millionen Besucher direkt aus München und dem Umland, doch kommen immerhin knapp 20 Prozent aus dem Ausland einzig und allein für einen Festbesuch. Und zu diesem kleiden sich „traditionell“. Ich kenne kein anderes Fest, in welchem sich „Auswärtige“ derart dem regionalem Brauchtum verschreiben wie zur Wiesnzeit: Der Chinese in der Lederbux, der Kiwi, der versucht bairisch zu singen, die Araberin, die sich freut den Busen zeigen statt verhüllen zu müssen. Und zwischendrin die rheinländische Glitzerdirndl-Dame. […]

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