Kinder

Das neunmalkluge Nachbarskind…

2. August 2017

Unsere Tür steht offen – auch für das neunmalkluge Nachbarskind

In unserer Straße wohnen wir im einzigen Haus, das eine Art Garten hat. Es handelt sich um ein Stück Grünfläche, das mit Pflastersteinen befüllt ist, zwischen denen wiederum Gras wächst. Von zwei Seiten kommt wildes Gestrüpp, dessen Samen sich dereinst hierher verirrt hat. Alles voll bio und naturbelassen. Diese Grünfläche bietet Platz für einen Sandkasten, eine Bierzeltgarnitur, zwei Platik-Sessel und -ACHTUNG- ein Fussballtor! Letzteres ist der Grund, warum nicht nur meine eigenen Kinder, sondern auch die der Nachbarschaft sich regelmäßig hier aufhalten. Praktisch, nett, unkompliziert. Zumindest für alle anderen Eltern… Denn ab und an taucht auch ein Kind auf, das weder praktisch, noch nett, noch unkompliziert sind. Da ist es wieder, das neunmalkluge Nachbarskind…

Der Apfel fällt nicht weit vom neunmalklugen Stamm

Das Kind trägt einen Namen von dem man hoffte, er werde die 70-Jahre nicht überleben. Etwas in Richtung Ingrid, Renate oder Arnulf und Rüdiger. Es ist ein Einzelkind. Der Vater ist Künstler. Die Mutter ist Psychologin. Die Beiden sind „späte Eltern“. Das Kind sagt: „Ich bin froh, dass meine Eltern mich so spät bekommen haben. Für sie war es eine bewußte Entscheidung.“ Ich grinse… „Ich finde Geschwister nicht so gut. Ich bekomme nämlich die volle Aufmerksamkeit.“ legt es nach. Die mütterliche Psychologin weiß wohl, was sie so sagt. Ich bekomme glatt Mitleid mit meinen offenbar vernachlässigten Kindern…

Bei uns ist Alles anders…

Am Wochenende haben wir gegrillt. Freunde der Kinder waren da. Das Nachbarskind kam auch vorbei. Ich mag große Gesellschaften, daher durfte es selbstverständlich mitessen. Es zierte sich ein wenig, denn die Kinderteller waren alterskonform knallbunt und aus Plastik – IKEA. Das Essen darauf war weder bio, keinstenfalls vegan, nicht mal vegetarisch oder nachweislich aus der Region. Es waren gegrillte Nürnberger in der Semmel. Dazu frevelhafter Ketchup vom Großkonzern The Kraft Heinz Company. „Das ist alles krebserregend.“ entrüstete sich das Nachbarskind. Meinen Kindern tropfte der Ketchup aus den Mundwinkeln. „Kann ich nochmal Wurst?“ sagte mein Kind grammatikalisch höchst unkorrekt. Zum Glück verbesserte das Nachbarskind „Das heißt ‚Könnte ich bitte nochmal Würstchen bekommen?'“. Zu erwähnen wäre, dass die beiden das nahezu gleiche Alter haben. Mein Kind rollte mit den Augen und klaute dem Nachbarskind die Krebs-Würstchen aus der Semmel. „Ist Euer Leitungswasser gefiltert?“ fragte das Nachbarskind. „Nein. Wir lieben die Gefahr“ antwortete ich. Das Nachbarskind blieb hungrig und durstig.

Bei uns ist Jeder anders…

Kaum zu Ende diniert, kickten die Jungs wieder – diesmal in den Rollen: Ronaldo gegen Schweinsteiger gegen Neuer gegen LEGO Ninjago Jay (der Jüngste ist der Kreativste…). Das Nachbarskind verzichtete auf den Pöbel-Sport, setzte sich auf den Rand des Sandkastens und fragte ob wir denn auch ein Boule-Spiel hätten. Da es aber den Spaß von Ronaldo, Schweinsteiger, Neuer und Ninja Jay sah, wollte es doch mal schießen. Der Ball wurde präzise im richtigen Winkel vorm Tor platziert. Ich nehme an, das Nachbarskind berrechnete schnell Stoßkraft, Fluggeschwindigkeit, Windstärke und mögliche Torwartreaktion, um zum perfekten Schuß anzusetzen. Doch leider vergaß es die Pflastersteine zu berücksichtigen. Noch während des Anlaufs fiel das Nachbarskind. Der Blick ging direkt in meine Richtung „Das ist grob fahrlässig“ entzürnte sich das Nachbarskind. „Hier darf man eigentlich nicht Fussball spielen – wegen der Pflastersteine…“

Neunmalklug und neun mal klüger…

Mein großer Sohn kennt das Wort „fahrlässig“ nicht (wohl aber „lässig fahren“…). Dafür kann er auf Pflastersteinen Fussball spielen. Ich überlege welche Qualifikation ihn in Zukunft weiterbringt. Verdient wohl ein Top-Anwalt genau so viel wie ein Top-Fussballspieler? Für ihn sollen bitte alle Optionen offen stehen… Also soll er weiterkicken und ich bringe ihm schlaue Sachen bei. Er kann nun schon zwei neunmalkluge Sätze: „Die Erde ist übrigens ein Rotationsellipsoid“ und „Bei Gewitter ist das Auto ein sicherer Ort, dank des faradayschen Käfigs“. Zumindest klingt das neun mal klüger… Nun brauche ich nur noch andere Eltern, die das hören wollen…

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