Erwachsene

„Ich hab ein Kind, ich darf das!“ – Die Rüpelmutter

27. Januar 2016

Die unbarmherzige Rüpelmutter

Unlängst in meiner Nachbarschaft: Ich stehe an meinem Lieblingskinderbuchladen. Ein Teil der Auslage ist auf dem Gehweg – dort stehen Tische mit Büchern, sodass man sie anfassen und lesen kann. Also tat ich eben jenes: Ich stand auf dem Gehweg, fasste ein Buch an, las in dem Buch. Und auf einmal war er da: Der Schmerz in der Ferse… Und auf einmal war sie da: Die Rüpelmutter. Ich kenne sie und ihre Art. Sie ist schlichtweg rücksichtslos. Sie ist mir mit ihrem Kinderwagen voll in die Hacken gefahren. Ich drehe mich um, ich schaue sie schmerzverzerrt und erwartungsvoll an. Und sie sagt: „Was stehen Sie denn hier? Ich muss vorbei. Sie sehen doch, ich hab ein Kind!“. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich nicht breit bin, der Gehweg hingegen schon und dass die Verantwortlichen der Stadt München keinesfalls eine Bücherauslage erlauben würden, wenn es eine Beeinträchtigung in der Gehwegnutzung gäbe… Sie hat mich schlichtweg angefahren.

Der Kinderwagen als Waffe der Rüpelmutter

Ein Kinderwagen hat viele Funktionen: Er befördert Kind und Einkäufe und er dient -für Rüpelmütter- sowohl als Schutzschild wie auch als Rammbock. Um die einschüchternde und schmererzeugende Wirkung des Kinderwagens noch zu vergrößern, greift man nicht zum Buggy oder Stadtflitzer, nein, die Rüpelmutter greift zum Doppelkinderwagen, bevorzugt das Modell Bugaboo Donkey Twin. Da sie aber schon ein Kind überfordert und sämtlichen Anstand vergessen lässt, liegt im zweiten Teil des Doppelkinderwagens nicht etwa ein zweites Kind, sondern -und hier sind wir wieder bei eben jener Fersenkillerin von oben- eine Tasche, wahlweise eine dunkelblaue (zur Barbourjacke passend) Longchamp Pliage oder ein Louis Vuitton Neverfull Shopper…

Klassizismus + Doppelkinderwagen = kein Eingang

Was Kind und LV-Shopper gemeinsam haben, ist dass sie weder auf sich selbstständig aufpassen, noch Alles selbsttätig bei sich behalten können. Man muss also immer Beides im Auge haben. Nun ist es so, dass die Architekten des Klassizismus‘ (der in meiner Nachbarschaft bevorzugte Baustil), vor 200 Jahren blöderweise die Eingangstüren nicht Doppelkinderwagen-konform gestaltet haben. Also muss die Rüpelmutter Schratz und Schatz VOR der Türe parken, wenn sie eben hier in ein kleines, feines Ladengeschäft gehen will. Um aber Beides sehen zu können, wird der Doppelkinderwagen direkt vor der Eingangstüre abgestellt, Lenker in Richtung Türe. Und ja, kein Anderer kann nun den Eingang als solchen nutzen. Und hier kommt der zweite Lieblingssatz der Rüpelmutter: „Ich darf das, ich habe ein Kind.“ gefolgt von „Da müssen SIE doch Rücksicht nehmen.“

Zwei Rüpelmütter – ein Statement

Besonders spaßig wird es, wenn sich zwei Rüpelmütter treffen. Geschulte Beobachter erkennen schon beim aufeinander Zufahren von zwei Kinderwägen, ob es noch eine Möglichkeit der eigenen Zielerreichung für sie gibt. Oder ob die Flucht auf die gegenüberliegende Gehsteigseite die einzige Lösung ist. Denn fest steht: verbinden sich zwei kinderwagen-bestückte Rüpelmütter gibt es kein Entkommen. Man sitzt fest. Vor ihnen, hinter ihnen, neben ihnen. Sie werden sich nicht bewegen, bevor sie sich vollends ausgetauscht haben – sie harren aus. Inmitten des sonst regen Treibens der Großstadt verankern sie sich und bleiben stehen. Sie sagen damit wortlos: „Hier bin ich, hier bleib ich. Weil ich das so will. Weil ich das darf. Weil ich ein Kind habe.“  Doch nicht nur auf der Straße, auch in Cafés, an Bahnsteigen, in der Warteschlangen (Sale bei ZARA oder Check-In am Flughafen) nutzen die Rüpelmütter die Macht des Kinderwagens und blockieren, rammen, schubsen und schieben…

Warum denn rüpeln?

Ich glaube: Neben Kind und Tasche schiebt die Rüpelmutter ihren gesamten Unmut wie einen Panzer vor sich her. Sie ist wohl sauer, dass ihr vor der Geburt kein Mensch gesagt hat wie es nach der Geburt so wirklich ist. Natürlich liebt sie ihr Kind, doch manchmal vergisst sie das… Und nun ist sie wütend und fordert Wiedergutmachung, da man sie unaufgeklärt in den Kreissaal geschickt hat. Sie hat ja nun ihren Dienst an der Gesellschaft getan – nun ist die Gesellschaft dran den ihren zu tun. Sie hat gegeben, nun will sie bekommen. Ja, sie zwar hat ein Kind bekommen – doch das schreit gerade… Und ja, sie hat viel gegeben: vielleicht eine Karriere, vielleicht ein gutes Sexleben, vielleicht ihre Idee von Freiheit. Doch was sie zu vergessen scheint: Es gibt auch andere Mütter, die schon viel gegeben haben – und manchmal stehen diese auf dem Gehweg vor einem Buchladen.

 

 

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3 Comments

  • Reply Lutz Prauser 3. Februar 2016 at 6:36 pm

    … Treffer. Genauso sind sie, die Rüpelmütter.
    Das Wort leihe ich mir mal aus für meinen nächsten Blogbeitrag – natürlich mit Link zu diesem hier. Ich hab da nämlich auch so ein Exemplar gerade erlebt… 🙂

    • Reply Mami und Gör 16. Februar 2016 at 4:56 pm

      Vielen Dank! Ich stehe gerne parat für weitere ausleihbare Wort-Neuschöpfungen!

  • Reply Überall Brustwarzen - Plädoyer für stilles Stillen! 31. Juli 2016 at 3:15 pm

    […] mit ihren Kinderwägen Eingänge oder sämtliche Tische im äußerst beliebten Café blockieren („Die Rüpelmutter“), haben sie im Sommer noch ein weiteres Recht: Das öffentliche Zurschaustellen der […]

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