Erwachsene

Dreifachmami in der Großraumdisko… Ein Erfahrungsbericht.

14. August 2016

Vom Individualitäts-Gewackel zur Großraumdisko

Als ich ein Teenager auf dem bayerischen Dorfe war, gab es  eine strikte Aufteilung der Disobesucher: In meinem Ort gab es die Disko für die haarigen Heavy-Metaler, ein paar Kilometer weiter trennte sich die Spreu ins „Christin“ und der Weizen(liebhaber) ins „Discoland“. Die Doors-und-Tee-und-Gras-Liebhaber gingen ins Hamlarhaus.  Ich ging ins „RUSH“. Heutzutage würde man das als einen extrem coolen Underground-Club, so Berlin-Style, beschreiben. Früher war es einfach die Disse eines hauptberuflichen Taxlers im ersten Stock eines abbruchreifen Hauses in der Innenstadt. Dort bekam man schon mit fünzehn eine feine Bowle, qualmte und wackelte zu den von DJ Vitus aufgelegten Songs wie „Hobo Humpin Slobo Babe„, „Open Sesame“ oder „All that she wants„.
Das waren Zeiten – jede Musikrichtung, jede Sinneseinstellung, jeder Kleidungsstil hatte sein Etablissement auf dem Land. Man war unter seinesgleichen. Es gab Gruppierungen. Das änderte sich jäh im Jahr 1995. Das „RUSH“ schloss für immer seine Türe. Der Metaler-Meeting Point wurde ebenfalls aufgelöst. Hamlar wurde uncool. Und dann geschah es: Jemand erkannte die Feierlücke – eine Großraumdisko öffnete ihre Pforten: Das PRISMA!

Die Geburtsstunde der gegenseiteigen Abneigung – Großraumdisko vs ich…

Das PRISMA war von den Räumlichkeiten so konzipiert, dass es -im Falle eines wenig tanzbegeisternden Misserfolges- sich in die Reihe der familieneigenen Autohäuser einreihen hätte können. Es war sehr groß, es war sehr hell, es hatte einen Innenbalkon, es war komplett gefliest. Es war hässlich. Zudem bot es einen fast epilepsie-auslösende Lasershow. Und die üblichen realitätsversagenden Pumper-Türsteher. Anstelle des dreadbelocktem DJ Vitus stand nun der Freeman-T.-Porter-Jeans tragende DJ Schmitti, der zu Großraumdisko-Beginn immer eine Stunde „Freestyle“ auflegte, zu welchem sich die Massen ironischerweise nicht „free-style“, sondern in einem neunte-Klasse-Tanzkurs gelerntem Muster in Reihund Glied schüttelten. Mit kurzem Klatscher und 90-Grad-Drehung. Es war Alles so anders…
Hinzu kam, dass sich die ehemals getrennten Ausgeh-Gruppierungen nun mangels Alternativen alle dort trafen. Das PRISMA war ein Schmelztiegel. Jünger, älter, Popper, Skater, Metaler. Und die von den Einsiedler-Höfen. Alle waren dort, denn es gab nichts anderes. Überall viele Menschen. Viel zu viele Menschen. Ohne Alkohol kaum zu ertragen. Ich vermisste das intime RUSH. Es war klar: Ich bin kein Großraumdisko-Mensch.

Was will die Mutti in der Großraumdisko?

Und das bin ich heute immer noch nicht. Dennoch wagte ich wieder einen Feldversuch. Ich musste an einem Donnerstag in das Münchner 089 PLUS Pacha. Ja, da verbinden sich die beiden nebeneinandergelegenen Tanzbars zu einer Großraumdisko. Ich sah, dass es eine Schlange vor der Tür gab. Ich sah, dass die „Selekteure“ (wahrscheinlich die unehelichen Kinder der früheren Türsteher) ihre Minimacht ausspielten. Drinnen angekommen, erst mal etwas Blubber zur Breuhigung. Wir ließen uns vom Klischee mitreißen. Bisschen Tanzflächenrandstehen, bisschen trinken, bisschen schauen… Der „Resident-DJ“ spielte viele Hitparaden-Beats, wenig wahre Musik. Ganz okay. Doch dann geschah es: Der DJ begrüßte die Jahrgangsstufe ELF eines Münchner Vorort-Gymnasiums und beglückwünschte sie zum Eintritt in die letzten langen Sommerferien des Lebens!!! Miniberockte Mädels kreischten hysterisch los, pübertäts-pickel-geplagte Jungs rammten sich gegenseitig das Brustbein rein. „Yeah, das wird der geilste Sommer!“ reflektierte das under-age-Girlie neben mir sinnigerweise… Die Jahrgangsstufe ELF! Als ich in dieser Jahrgangsstufe war, verschwand das RUSH. Als ich in dieser Stufe war, war es das Jahr 1995. Das bedeutete: Ich war inmitten von Menschen, die 20 Jahre jünger waren als ich. Das bedeutete: Ich wusste seit 20 Jahren, dass diese rhythmusgesteuerten Massenveranstaltungen mit Radio-Mainstreamsound nichts für mich sind und war dennoch da. Mehr Blubber bitte…

Großraumdisko macht ALT! Es lebe der kleine Club!

Am letzten Samstag war ich dann wieder mal in einer Tanz-Kneipe um die Ecke, wo man niemanden findet, der nicht selbst schon zu Whale getanzt hätte. Es ist ein Ort voller Gleichgesinnter, voller Altersgenossen, voller Verständnis. Dort fühlte ich mich wohl – dort war ich unter Freunden. Dort gab es keine Elftklässler. Dort fühlte ich mich JUNG! Und ich hatte die Erkenntnis: In Großraumdiskotheken bin ich alt. Kleine, feine Schuppen machen mich jung! Dort fallen weniger die Sätze „Ach, Du siehst gar nicht so aus als hättest Du schon drei Kinder….!“ Es liegt am ähnlicheren Alter und an der geistigen Reife der Mittänzer. Und ja, ich weiß – auch in diesem, meinem Laden sind meine Tage gezählt – denn er wir Ende September schließen. Doch auch wenn er zu Grabe getragen wird, weiß ich: There is no return to Großraumdisko!

Bilfquelle: immoscout

 

 

 

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