Erwachsene, Kinder

„Kann isch bitte Limo?“ Der Fluch der Halbsätze

2. August 2019

Falsche Halbsätze. Produkt der faulen Handynutzer.

Meine Kinder wachsen in einem zu Hause auf, in dem Wert auf Ausdrucksweise und Sprache gelegt wird. Wir sind höflich zueinander, wir schreien so wenig wie es geht, wir verwenden keine Schimpfwörter. Wir halten uns an Regeln – die eines liebevollen Miteinanders und die der deutschen Grammatik. Dachte ich. Denn seit Kurzem verweigern sich die Grundschulsöhne der Sprachregeln. Sie verwenden nur noch Halbsätze. Ich gebe WhatsApp die Schuld. Denn dort sah ich es zum ersten Mal geschrieben: „Kann ich von Dir HSU-Heft?“ „Hab in Schule“ „Du blöd?“ Sie kürzen den Satz um das VERB nichtsahnend, wie entscheidend dieser Satzteil doch ist…

Weil Halbsätze eben nur die Hälfte verraten…

Einer der am meist genutzten Halbsätze ist bei uns „Kann isch Wasser?“ Und es ist wirklich so viel ISCH, dass der Zweitklässler das in seine Rechtschreibung übernommen hat… Ich habe den klaren Erziehungsauftrag zur Verbesserung der Sprache, also frage ich nach „Mein liebes Kind, was möchtest Du denn? Wasser aus dem Brunnen vor dem Tore holen? Das ist nett, aber unnötig…“ Ich gehe also davon aus, dass das Kind mir die Aufgabe übertragen hat seinen Satz zu vervollständigen. Also tue ich das. So lange und so sinnbefreit, bis das Kind den perfekten Satz „Liebste Mami, dürfte ich bitte noch ein bisschen Wasser haben?“ formuliert.

Warum sind Halbsätze so fordernd?

Halbsätze dienen der Zeit- und Platzersparnis. Leider verknappen sie auch das Verständnis. Und das ist nervig – es erfordert eine konkrete, berichtigende Nachfrage meinerseits. Und indem ich dem Kind dann satzergänzende Optionen vorformuliere, gebe ich ihm unter Umständen ganz neue Ideen. „Darf ich Fussball?“ könnte also von mir ergänzet werden mit „Darf ich Fussball-Profi werden und Dir liebe Mutter mit meinem Profigehalt ein feudales Leben im sonnigen Süden finanzieren?“ oder „Darf ich Fussball-Karten von allen Drittligisten Finnlands sammeln?“ Während Ersteres dank guter Selbsteinschätzung ignoriert wird, bringt Zweiteres völlig neue Möglichkeiten mit sich…
Ich leide also auf verschiedenen Ebenen unter den Halbsätzen.

Der Fluch der Halbsätze schlägt zurück

Ich befürchte es hilft nur die harte Schule. Das bedeutet Mami verzichtet auf die Rolle der Sprachkontrolleurin und taucht ein in den faulen Jugendsprech. „Hast Sport“ „Kannst Brotzeit“. Einfach Satzfetzen, ohne vervollständigendes Verb, ohne verräterische Intonation…
Oder ich optimiere noch weiter. Ich spreche staccato-artig Einzelwörter aus. „Stopp – Sonnencreme!“. „Du – Schwimmsachen!“. „Nein. Heute Sandalen!“. „Käppi auf!“
Klingt schon überraschend vertraut… Und ich stelle fest: Mami ist die Königin der Wortverknappung. Denn vor der Schule haben nicht mal mehr Halbsätze eine Chance… „Bussi Kinder“…

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