Kinder

Die Lehrerin sagt: „In der Schule wird nicht gespielt!“ – Ich sage: „GROBER FEHLER !!“

25. Mai 2016

Ansichten einer Mutter vs. Ansichten einer Lehrerin

Mein Sohn wurde drei Wochen vor seiner Einschulung sechs Jahre. Er war jung, er war verspielt, er war -offensichtlich- ein ganz normales Kind. Und er hat schnell festgestellt, dass es wider seiner Natur ist Frontalunterricht zu bekommen, im 45-Minutentakt zu funktionieren, sein Lerntempo dem von fast achtjährigen Mädchen anzugleichen oder auch nur Hausaufgaben zu machen. Er hatte immer  Ausreden – teilweise wirklich gute Ausreden. Schon in der zweiten Schulwoche der ersten Klasse kam der erste Anruf seiner Lehrerin. Das Kind hätte erzählt ich würde es nicht erlauben, wenn er in der schulischen Mittagsbetreuung in der dafür vorgegeben Zeit seine Hausaufgaben mache. Er solle zu dieser Zeit spielen – schließlich hießen die Aufgaben HAUSaufgaben und ich hätte gesagt, er müsse diese zu HAUSE machen… Die Zeit in der Mittagsbetreuung sei zum Spielen da… Ich war kurz begeistert von dieser schlüssigen Argumentation meines Sohnes. Zwar war mir der Aussagekern neu (ich ging davon aus, dass ich dem Kind glauben kann und es in den ersten beiden Schulwochen keine Hausaufgaben gibt!), aber ich fand das durchaus einleuchtend. Es war eine gute Begründung mit dem Ziel die eigentliche Aufgabe zu vermeiden und lieber zu spielen. Als Sechsjähriger. Natürlich sah die Lehrerin das anders. Sie meinte es gut. Aber sie forderte, dass mein Kind nun den Ernst des Lebens erkennen und verstehen sollte. „In der Schule wird nicht mehr gespielt. Dann hätte er eben im Kindergarten bleiben sollen.“

… und das Kind spielt immer noch.

Fast zwei Jahre später spielt mein Sohn noch immer lieber als zu lernen. Nun wird er bald acht Jahre alt. Immer noch ein Kind. Immer noch ohne den Ernst des Lebens begriffen zu haben. Und noch immer ist das gut – finde ich. Ich finde Spielen wichtig. Das Spielen sieht gerade jetzt gerne so aus: Er zockt mit EM-Panini-Karten. Er und der Rest der Schule. Selbstverständlich ist auch dies streng verboten. Selbstverständlich bekam ich auch deswegen wieder einmal einen Anruf. Das Kind hätte im Unterricht ein Klebekärtchen aus dem Ranzen genommen und das dem Sitznachbarn gezeigt, diesen somit abgelenkt und Unruhe verbreitet. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass die Grundschullehrerin meines Kindes ihren Beruf vor rund vierzig Jahren erlernt hat. Die Lehrerin sah es als notwendig an das Klebebildchen zu konfiszieren. Denn „In der Schule wird nicht gespielt!“. Sie fügte aber hinzu, dass sie schon einen ganzen Stapel besäße, weil sich jedes Kind derzeit in dieser Richtung unartig verhalten würde. Und nun eine waghalsige Idee: Könnte die Lehrerin etwa den Spieltrieb der Zweitklässler mit Lernen verbinden?

Kind! Spielend zum Erfolg?

Es ist nichts Neues, dass Menschen mit Hilfe von Spielmechanismen motiviert werden selbst langweilige Prozesse (z.B. Umfragen oder Steurerklärungen) durchzuführen. Stichwort: Gamification. Beim Spielen interagieren die Menschen, engagieren sich, bewältigen Probleme einfacher. Also perfekt für das Lehren von Zweitklässlern. Mit Hilfe all dieser Panini-Karten könnte man sowohl Rechenaufgaben lösen, Erdkunde beibringen, Lesen und Schreiben üben, den Kindern das richtige Vokabular/ die richtigen Songs für die EM lehren, um dann im Sportunterricht die EM nach- bzw. vor-zu-fussballern. Dabei wären sie in Teams, könnten Spiel- und Lösungsstrategien erlernen sowie Fantasie und Kreativität ausleben. Das alles mit durchaus erzielbarem Lerneffekt – aber eben spielerisch… Dieses Vorgehen gibt es. Viele schlaue Köpfe sind davon überzeugt, dass genau dieser spielerische Ansatz das Lernprinzip der Zukunft sein wird – dass das die Vorbereitung auf viele wichtige Skills ist, die in einigen Jahren wichtiger sein werden als das Erkennen eines stummen „h“. Spielen ist wichtig – und was spielen Kinder und Jugendliche besonders gerne: Digitale Spiele…

Computerspiele als bildungstechnische eierlegende Wollmilchsau?

Mit die wichtigste Voraussetzung um in der künftigen Welt zu bestehen, ist das Verständnis von digitalen Welten, Devices und auch das Programmieren. An der New Yorker Quest to Learn Schule basiert das komplette Lernen auf Spielerei – auch auf Computerspielerei.

„Der ganze Stundenplan basiert auf einem Spielprinzip. Das heißt, wir haben geschaut, was Kinder so an Spielen fasziniert und wie sie dadurch schneller lernen können. Und dann haben wir darüber nachgedacht, wie wir digitale Spiele und reale Spiele in den Stundenplan integrieren können und wo die Schüler mit komplexen Aufgaben konfrontiert werden können, die sie lösen müssen.“ Rebecca Rufo-Tepper, Direktorin für integriertes Lernen an der Quest-to-Learn-School

Digitale Spiele als Lehrmittel? Daddelnd zum Bildungserfolg? JA! Die Zukunft erwartet ein Verständnis über Mods, Bots, Apps und Coden… Im Unterricht meines Sohnes wird noch mit dem Overhead-Projektor und Folienstiften gearbeitet. Die digitale Welt bleibt draußen. Als Lernwerkzeug gibt’s Stifte und Papier – „Das schon immer so“ lautet die hochpädagogische Begründung. Natürlich gibt es bereits die (jüngeren) Stimmen in der Politik, Medienkunde als verpflichtendes Unterrichtsfach fordern; es gibt gar den Ausschuss „Digitale Agenda“. im Deutschen Bundestag, denn -so der Ausschußvorsitzende-  „Die Digitalisierung (ist) eine atemberaubende gesamtgesellschaftliche Transformation, ein tiefgreifender technischer, sozialer und kultureller Wandlungsprozess, der alle Bereiche unseres Lebens erfasst hat.“ Ach – ALLE Bereiche unseres Lebens? Anscheinend aber nicht den nicht unwesentlichen Teil „Schulbildung“…
Nun ist Bildung wiederum Ländersache und im schönen Bayern gilt: „Medienbildung ist als fächerübergreifendes Bildungsziel in den Lehrplänen aller Schularten verankert.“ Also liegt es weiterhin in der Hand des Lehrers bzw. der Lehrerin. Dann hat man eben Glück oder Pech… Jetzt und in Zukunft, wenn man gegen Jobanwärter aus glücklicheren Schulklassen oder Nationen auf dem Arbeitsmarkt konkurriert… Denn in anderen EU-Ländern ist es bereits ein integraler Bestandteil der Schulbildung die Kinder „medienfest“ zu machen. Mehr dazu findet man im Interview „Ihr Kind hat keine digitalen Skills? Pech gehabt!“ mit Christina Schwarzer (CDU & Ausschussmitglied) auf dem Blog worldofmencraft.

Zurück zu den Sammelkarten: Ich bin überzeugt, dass ein Aufkleber von Robert Lewandowski mehr kann als zu kleben – also muss der Sohn nun bei mir gamifiziertes Lernen erlernen… Und auch wenn er dann zwar immer noch nicht weiß, dass man Mutter nicht mit „a“ am Ende schreibt, kennt er doch die Flagge von Polen… Und darf dann zur Belohnung mit dem iPad spielen…

Zukunft – wir sind bereit!

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3 Comments

  • Reply Maximilian gaub 25. Mai 2016 at 11:48 am

    Was Du da schreibst, unterschreibe ich sofort. Der Schweizer Remo Largo auch. Er hat mal gesagt: „Unsere Kinder leben im 21., die meisten Eltern im 20. – unser Bildungssystem noch im 19. Jahrhundert.“ Jep.

    • Reply Mami und Gör 30. Mai 2016 at 10:21 am

      Wenn Kinder die Zukunft sein sollen, warum schult man sie dann für die Vergangenheit?

  • Reply Dominika From Munich with Love 25. Mai 2016 at 11:51 am

    Ich finde auch, dass man mit den Karten viel mehr bekommt, also „nur“ die Stickers. Deswegen sind wir auch dabei. Schade, dass viele es nicht erkennen können.

    Außerdem gibt es bereits im Kindergarten dieses Tauschfieber… 😉
    LG, Dominika

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