Kinder

Die Glucken-Mutter und ihr Weichei-Kind

21. November 2015

Das tragische Schicksal des Weicheikindes

Gestern im Fussballtraining der Siebenjährigen. Ein Junge, wir nennen ihn „Max“ -in Wahrheit hat er einen ochsenknechtmäßigen englischen Trend-Doppelvornamen, der auch eine Farbe beinhaltet- rennt aufgelöst auf mich zu. „Der Leopold hat mir meine Jacke weggenommen und einfach woanders hingetan“. Der Leopold ist mein Sohn. Ich hielt es mit den Namen eher konservativ. Die Jacke lag mittlerweile hinter dem Tor, der Trainer schimpfte bereits meinen Sohn. Ich antwortete „Regel das selbst! Hol sie Dir wieder oder nimm Leopold seine Jacke weg. “ Ich fand das geradezu salomonisch gelöst…  Circa eine Stunde später erhielt ich einen empörten Anruf: „Max'“ Mutter. „Max“ sei noch immer sehr unglücklich, dass ich ihm nicht seine Jacke aus den Händen meines Sohnes (der übrigens drakonische Strafen verdienst hätte) geholt habe. Er hatte das Gefühl ich würde ihn und seine Belange im Moment der an mich gerichteten Beschwerde nicht ernst nehmen. Kurze Überlegung meinerseits: Welch ein schlaues Kerlchen! In der Tat, ich habe es nicht ernst genommen. Und JA – ich finde er hätte sich selbst drum kümmern müssen… Er ist ein Weichei.

Erfolg- und zeitversprechende Erziehungsmethoden

Mein Vater sagte „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott! Und gepetzt wird nicht!!“ Er hat drei Töchter – möglicherweise ist dieser für ihn ungewöhnlich religiöse Ausspruch auch dem Umstand geschuldet, dass er sich schlichtweg nicht um Schwestern-Streitigkeiten kümmern wollte. Also haben wir uns selbst darum gekümmert. Ich führe das bei meinen Kindern fort: ich habe einfach weder Zeit noch Lust mich mit weggenommenen Lego-Steinen zu beschäftigen. Ein brüderlicher Streit (Streit, nicht Kampf – wir sind ja keine Wilden!) zeigt: nur der, der sich durchsetzt ist der Sieger. Er hat für sein Recht/ Idee/ Vorhaben/ Legostein gekämpf und es am Ende bekommen. Der Eine gewinnt, der Andere eben nicht. Wichtig ist zu versuchen zu Gewinnen. Nicht Unterbuttern lassen. Für sich selbst einstehen. „Das Risiko des Scheiterns gehört mit zum Leben.“ so Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbands und Autor des Buchs „Helikopter Eltern. Schluß mit Förderwahn und Verwöhnen“. Meine Kinder kennen das Gewinnen aus eigener Kraft genauso wie das blöde Scheitern; sie sind also gewappnet für’s Leben und ausgerüstet im Wettbewerb mit den nach Mami-schreienden Petzen.
Übermotivierte Übermuttis stören bei der Ostereiersuche, in der Uni-Beratung sowie im Bewerbungsgespräch des Juniors, wo sie das Gehalt für ihr Premiumkind aushandeln. Für das perfekte Kind einmal perfekte Welt bitte… Es sind karikatureske Beobachtungen, die in der 3-sat Doku „Generation Weichei“ gezeigt werden.

Der Weichei-Teufelskreis der Mütter

Jeder kennt die stereotypischen Mütter der überbehütenden Weichei-Kinder: die gelangweilte Alleinerziehende, die außer dem Kind keine Aufgabe hat, die spätgebärende Ex-Unternehmensberaterin deren Kind ein erfolgreiches Projekt werden muss, die Erziehungsratgeber-verschlingende Kunsthistorikerin, die sich bewusst für ein Einzelkind entschieden hat. Sie schaffen eine utopische Insel der Glückseligkeit, ohne Wettbewerb, ohne Streit, wahrscheinlich ohne Fleischkonsum – sicherlich ohne Realität. Und sind am Ende selbst total überrascht, wenn sie sich -nach gelungener Abnabelung des Kindes durch Krippenstart oder Volljährigkeit- in der bösen Wirklichkeit ohne Weichzeichner und ohne von Keimen befreiendem Windelfeuchttuch wiederfinden. Denn nach Jahren voller Heititei und „Das ist NICHT Deine Schuld!“ und „Das hast Du super-primi-mega-toll gemacht!“ haben sich diese Mütter ebenfalls verwandelt: in Weichei-Frauen… Und reagieren schockiert, dass man für „Haben“ auch in irgendeiner Form „Geben“ oder „Tun“ muss.

„Überbehütung…ist ein Sozialexperiment bei dem die Folgen noch nicht absehbar sind.“//aus der Dokumentation „Generation Weichei“

Besagte Mutter von „Max“ verstand in oben erwähntem Telefonat im Übrigen auch nicht meine Aversion gegen das Petzen jeder Kleinigkeit und raunte mir leise zu: „Also ich finde das ganz ganz toll, dass mein Sohn immer zu mir kommt und mir sagt, wenn ihn Jemand geärgert hat. Das zeigt doch, dass er Vertrauen in mich hat.“ Ja prima! Ich möchte, dass mir mein Sohn etwas Anderes zeigt: dass er Vertrauen in SICH SELBST hat!

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9 Comments

  • Reply Lutz 23. November 2015 at 3:04 pm

    100% Zustimmung zu jedem Satz. Auch wenn reichlich Klischees bedient werden in der Aufzählung der Müttertypologie, leider ist es die Wahrheit.
    Kinder solcher Eltern werden nur sehr schwer lernen, mit Frustration und dem Scheitern umzugehen, Vertrauen in sich selbst zu haben und nasch einer Niederlage wieder aufzubauen… von Konfliktbewältigung ganz zu schweigen.
    Und damit dürfte das „Projekt: Das optimale Kind“ zum Scheitern verurteilt sein. Seelische und psychische Belastbarkeit oder gar Robustheit ist von solchen Kindern später wohl kaum zu erwarten.

    • Reply Mami und Gör 24. November 2015 at 6:47 am

      Vielen Dank für die Zustimmung! Ja – die Helicoptereltern sind abgestürzt. Und mit ihnen die Zukunft – ihre und die ihrer Kinder.

  • Reply Sebastian 24. November 2015 at 9:18 am

    Super Artikel! Auch wenn ich keine Kinder habe und auch nicht vorhabe welche zu bekommen, spricht mir fast jeder Satz aus der Seele. Wie sollen Kinder bitte lernen sich durchzusetzen und im Leben alleine zurechtzukommen, wenn Ihre Eltern nicht zulassen, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen.
    Übrigens: Hätte es zu meiner Zeit schon Elternabende an der Uni gegeben, hätte meine Mutter mir einen Vogel gezeigt, wenn ich ihr gesagt hätte, sie solle doch bitte dorthin gehen.

    • Reply Mami und Gör 27. November 2015 at 9:23 am

      Vielen Dank für das Lob. Also zu meiner Zeit waren meine Freunde und ich schon in der 11. Klasse volljährig und haben schon ganz viele eigene Erfahrungen gemacht… Das machte uns stark für’s Leben…

  • Reply Cleverones 25. November 2015 at 5:01 pm

    Danke für die Story! Ich freue mich nun noch mehr auf den Tag, an dem ich meinen kleinen Sohn Henri das erste Mal zum Fußballplatz begleite. Außerdem kann ich mir schon mal passende Antworten einfallen lassen, falls er einem 6-jährigen Mitspieler den Effe macht und seine Eltern mich zur Rede stellen… z. B. „Wäre es ihnen lieber, wenn er ihren Sohn verkloppt? Dann sag ich ihm gerne Bescheid! 😉

    • Reply Mami und Gör 27. November 2015 at 9:10 am

      Bitte gerne für die Story! Ja, gute Vorbereitung für spontane Antworten können ein Weg sein! Bist Du Dir sicher, dass Henri Fussballspieler wird? Ich glaube etwas mit Sand fänd er besser…

  • Reply Svenja 25. November 2015 at 5:15 pm

    Betty – I love you. Deine sozialkritischen Beobachtungen des Mütterkosmos (oder auch einfach nur der normalen irren Welt da draußen) bringen mich so zum lachen, wie es kein pseudolustiger Mütterroman dieser Welt je geschafft hat. Und irgendwie freu ich mich darüber, dass Frauen wie Du eben auch keine Romane schreiben, weil sie im echten Leben solche Originale sind, dass sie dafür keine Bestätigung von außen brauchen. Solltest Du doch mal einen schreiben freue ich mich aber auch: Auf’s Lesen! Kein Wunder, dass Deine Söhne gut alleine zurecht kommen. Du tust es ja auch.

    • Reply Mami und Gör 27. November 2015 at 9:14 am

      In der Tat – ich bin so etwas von originell!! Lieben Dank meine Svenja! Ich freu mich auch, dass ich keine Romane schreibe, oder es vielleicht doch tue…

  • Reply Kinder folgt, sonst holt Euch der Krampus! - Mami und Goer 3. Dezember 2015 at 5:34 pm

    […] Der Münchner Krampuslauf findet am 13. und am 20. Dezember ab 15.00 Uhr rund um den Marienplatz statt und ist nichts für Weichei-Kinder. […]

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