Erwachsene

Fasching in München – auf der Suche nach dem Niveau

21. Februar 2020
Fasching. Männergruppe als Penis verkleidet mit Schubkarren.

Ach, es ist ja Fasching…

Am Sonntag war ich mit den beiden großen Jungs in der Münchner Synagoge. Wir wunderten uns ob der fetten Beats die in das Gotteshaus schallten. Sohn 1 konnte das Ende kaum erwarten und begab sich zielstrebig auf die Suche nach dem Musikgrund. Es war der Faschingsumzug, der nun vor uns stand. Mir entglitt lediglich „Oh ne, es ist ja Fasching…“ Die Jungs freuten sich ob der angetrunkenen Zwanzigjährigen, die nach dem Einsammeln von Kamellen wohl festgestellt hatten, dass sie doch zu cool fürs Bonbon-Lutschen sind und diese direkt an meine Kinder übergaben. Es kamen LEGO-Figuren, Sträflinge, Soldaten auf uns zu. Sie lachten, wir lachten. Es kamen als Penis verkleidete “Herren“ auf uns zu. Mir verging das Lachen…

Warum kann der Fasching kein Niveau?

Schon vor knapp vierzig Jahren war der Monaco Franze entrüstet, als er voller Tatendrang als Herr der sieben Weltmeere im Donnersberger Hof auf Stenztour war. „Ja wo sind wir denn hier“ fragte er seinen Adlatus Manni Kopfeck. Mittlerweile kann man das getrost IMMER fragen „Ja wo sind wir den hier???“. Wir sind eben in München. Wir haben die Wiesn. Fasching ist bei uns kein Hochfest. Wirklich, die Tanzeskunst lustig benannter Formationen wie der Gailachia Moheio in Ehren, Hut ab vor den Erwachsenen, die sich vom 11.11. bis Aschermittwoch schamlos als Polyester-Prinzenpaar gerieren und einen flotten Showtanz bei minus fünf Grad aufs Parkett rutschen – aber hier fließt die Isar und nicht der Rhein. Weder Mickie Krause mit zehn nackten Friseusen und einem Finger in Po aus Mexiko (letzteres sorgte in der Tat für bilaterale Spannungen zwischen Deutschland und Mexiko), noch die Zweitverwertung von Papierschnipsel bringen Spaß. Und nein, sich einen Schraubverschluß von Miniaturschnappsflaschen auf die Nase zu stecken und dann gruppensynchron ein Pappgesöff namens „Ficken“ in den Rachen zu schütten ist auch nicht lustig. Und ich bin noch nicht mal bei den Kostümen…

Kultur, Kostüm und feministische Toleranz…

Der kulturelle Ursprung von Fasching, Karneval oder Fastnacht ist mir bekannt. Ich glaube auch, dass Maskenbälle zu Hofe dereinst einen zeitgemäßen Anspruch hatten. Derzeit sehe ich jedoch weder kulturellen Bezug, Anspruch oder sonstiges Niveau. Büttenreden sind für mich ein Faszinosum. So wenig lustig, dass der Zuhörer mittels eines Dä-Dää-Dä-Dää-Dä-Dää darauf hingewiesen werden muss, dass es jetzt glatt lustig war… Tanzeinlagen, wo es immer noch als einzigartig erfinderisch gilt Männer in Frauenkostümen auf die Bühne zu schicken. Apropos Kostüme: Es gibt die vollkommen niveaulosen Genitalkostüme, die nun offenbar Völkergruppen diskriminierenden Kostüme (daher verbieten einige Kindergärten den Fasching...), die sexistischen Kostüme, die unerklärbaren Kostüme und hin und wieder sogar nette Kostüme. Kostümieren, man darf in eine Rolle schlüpfen, sein, was man will. Warum wäre man -wenn man sich ALLES aussuchen kann- denn gerne ein Minion, „jemand aus den Achtzigern“, ein Häftling oder ein Geschlechtsorgan? Bei all den sexy Matrosinnen in Ringelstrümpfen, koketten Krankenschwestern, muschelbebrüsteten Meerjungfrauen -und bei faschingsrelevanten Wörtern wie AltWEIBERfasching- bin ich verwundert, dass die Feministinnen-Front noch nicht Sturm läuft gegen das bunte Treiben…

Fasching in München. Es geht viel besser…

Möglicherweise habe ich einfach noch nicht den wahren Karneval erlebt. Den mit den rheinischen Frohnaturen. Was ich wohl kenne sind Menschen, für Einige seltsam gekleidet. Betrunkene Menschen. Kakophonien aus Viva Colonia und Atemlos. Gewollte Fröhlichkeit. Geschunkel. Das Alles Ende September. Im Bierzelt. Das gefällt mir. Offenbar liegt es vor Allem an der Jahreszeit und am vielen Polyesterstoff, warum ich den Fasching für niveaulos und das Oktoberfest für eine ehrwürdige Kulturveranstaltung halte. Und zuletzt am Lokalpatriotismus: denn die Wiesn haben wir erfunden…
Also Prost Ihr Narren! Auf ein friedliches Treiben!

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