Erwachsene, Kinder

Warum ich meinem Teenager gerne mal sehr peinlich bin

21. Februar 2022
Teenagerjunge, dem es peinlich ist und der sein Gesicht hinter seiner Hand versteckt

„Oh Gott, Mutter!“

Das größte Kind ist seit einiger Zeit gefangen zwischen Kind und Erwachsenem. Zwar ist er schön länger ein Teenager, aber er hat die leicht verzögerte Reife eines Elternteils geerbt und ist noch nicht voll in der Pubertät, sondern kurz davor (das wurde uns von medizinischem Fachpersonal bestätigt und hatte eine Bedeutung beim Fussbruch: Heparin ja oder nein…). Also alterstechnisch könnte er irgendetwas zwischen einem woanders schon verheiratbarem Mini-Mann und einem „Darf ich heute bei Dir schlafen?“-Kind sein. Ich bin sehr SEHR froh, dass er eher zu Letzterem tendiert. Unlängst bin ich auf die jüngste Familie in den USA gestoßen. Mami und Papi sind VIERZEHN! Und natürlich sind sie voll vertreten in den Social Medien: auf Tiktok folgen ihnen rund 1,5 Millionen Follower. Den Kindernamen ihrer Tochter -Lovlyn- haben sie auf Pinterest entdeckt…
Mädchen sind zwar auch für meinen Großen schon interessant, aber da ist immer noch der Gedanke, dass auch Mami ein Mädchen ist (war).

„Boah, voll cringe.“ Ein Teenager in 2022

„Digga, Du bist voll der Geringverdiener!“. „Alda, das ist krass sus.“ Wenn Eltern sagen, sie verstehen ihre Kinder nicht, ist manchmal gemeint, deren Taten seien nicht nachvollziehbar. Wieso würde man erst die Schuhe anziehen und sich dann wundern, wie man nun die Socken an den Fuß bekommt? Wieso verweigert man stoisch das Licht-Ausknipsen, um sich dann aufzuregen, dass man nochmals in sein Zimmer muss obwohl man eh schon zu spät ist? Wenn ich sage, ich verstehe mein Kind nicht, liegt es daran, dass es eine andere Sprache spricht. Das liegt nicht daran, dass ich unterkomplex bin – offenbar viben wir einfach nicht… Da ich aber eine gewissen Begabung für Sprachen habe, lerne ich schnell, doch das ist nicht etwa gewollt, sondern HÖCHST PEINLICH!! Sobald ich -natürlich für Freunde des Kindes hörbar- Dinge von mir gebe wie „Sheesh, wild. Ich fühl es!“ werden die Augen gerollt. Auch schon antiquierte Ausdrücke wie „Chill mal Deine Base!“ werden mit „Peinlich!“-Rufe in meine Richtung abgestraft. Also, wenn schon nur mein Sprechen Peinlichkeit erzeugt – bitte, ich kann noch PEINLICHER!

Nichts ist peinlicher als wenn Mami nach dem Penis fragt…

„Guten Morgen mein Kind, sag mal sind wieder ein paar Schamhaare gewachsen? Lass mal schauen…“ Absoluter Peinlichkeits-Knock-Out. Etwas in diese Richtung nutze ich sehr gerne Montag morgen. Denn es hat zur Folge, dass das Kind SOFORT wach ist, sich bewegt und aus seinem Bett flüchtet… Er ist so peinlich berührt, dass er nicht einmal „Peinlich!“ sagen kann. Liebevoll wie ich bin, würde ich so etwas nicht VOR seinen Freunden sagen. Da fallen mir durchaus andere Sachen ein. Sehr gerne verlange ich vom jugendlichen Besuch bei uns zu Hause alle Handys abzugeben. „Ihr wollt doch miteinander spielen. Da braucht Ihr kein iPhone.“ Wenn ich dann großes Entsetzen in den familienfremden Teenageraugen erkennen an, setze ich nach: „Als ich in Deinem Alter war, gab es noch kein Internet! Und wir sind auch groß geworden.“ Nur wenig ist in der Öffentlichkeit unangenehmer als

  1. Regeln für Freund
  2. das elterliche Zugeben, dass man aus einer anderen Zeit stammt.

Warum ich so gerne peinlich bin

Die üblichen Peinlichkeiten wie das Küsschen vor dem Schuleingang oder in public dem Kind mit Spucke etwas aus dem Gesicht zu wischen, erübrigen sich bei uns allein schon aus organisatorischen Gründen. (Küsschen geben wir -immer noch- zu Hause.) Auch kritisiere ich das Kind nicht vor seinen Freunden. Weder schreibe ich in Klassenchats (auch nicht in Elterngruppen…), noch lege ich ihm ein Brotzeitbrot mit Clowngesicht in die Brotdose. Er soll schließlich cool sein. Aber natürlich frage ich nach den Mädchen, freue mich, wenn die Erste sich hierher traut, denn ich weiß durchaus wie man mit wohl gemeinten, elterlichen Worten den ersten Sex der eigenen Kinder herauszögern kann… Besonders gerne bin ich aber peinlich, weil mein Kind mir vertraut. Vertraut, dass letztlich nicht er peinlich ist. Sondern immer nur seine Mutter. Er weiß, dass ich ihn nicht bloßstellen würde. Ich weiß, dass er mir vertraut. Und ich weiß auch, dass er es ab und zu wirklich witzig findet, wenn ich peinlich bin. Dann erzähle ich den nach 2005-Geborenen wie das Teenager-Dasein in den 1990ern war, zeige unseren Schallplattenspieler und lege eine alte LL Cool J-LP auf. Und plötzlich stellen die Teenager stellen fest, dass manchmal zwischen peinlich und schon wieder cool gar kein großer Unterscheid ist… Dann bin ich nicht mehr cringe, sondern papatastisch…

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2 Comments

  • Reply Suse 22. Februar 2022 at 1:41 pm

    Danke, für diesen Text.
    Mein Teenager sagt oft auf die Frage, ob ich ihm peinlich bin: „Nö Mama, Du bist peinlich, das hat nichts mit mir zu tun!“
    So gut zu wissen, dass sich die Jugendlichen sicher fühlen.

    • Reply Mami und Gör 22. Februar 2022 at 3:28 pm

      Es lebe die PEINLICHKEIT!

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