Erwachsene

Corona-Update: Tag der Befreiung? Ab heute Alle wieder weg!!

16. Juni 2020
Schild an Schulzaun mit der Angabe der Schulöffnung am 17. März. Darunter in roter Handschrift haha, verarscht...

Es waren einmal fast 100 Tage…

Wir schreiben den 108. März 2020. Nach insgesamt 92 Tagen sind heute wieder zum ersten Mal ALLE in den Einrichtungen, in die sie -zumindest in der Normalzeit zur Kernzeit von 8.00h – 15.00h- gehören. Seit gestern dürfte das Baby in die Krippe, Kind 2 hatte erst heute seinen ersten Schultag.
Gestern noch gab es kurzen Aufruhr, denn das Baby spuckte in der vorletzten Nacht und musste zu Hause bleiben. Darf es morgen wieder gehen? Wie lange kotzt das Kind? Ist es heiß? Kann es etwa sein, dass der langersehnte Tag der Befreiung doch nicht stattfindet? Es stellte sich heraus, dass sich das Baby lediglich mittels Spätzle und Apfelsaft selbst überfüttert hatte und ansonsten kerngesund ist. Also ist er heute da, der Tag an dem ich sagen kann: ICH BIN FREI!

Der Tag der Befreiung: So sollte er stattfinden…

Folgendes war geplant: Ich stehe frühzeitig auf, turne eine Runde Yoga, wasche mich, wecke die Kinder mit Küsschen, schicke sie bestimmend-sanft ins Badezimmer zur Morgenwäsche. Schon am Vortag sollten die Schul-, Kindergarten- und Krippentaschen vollends gepackt gewesen sein, die Anziehsachen im Bad bereit liegen. Die Kinder würden sich gegenseitig beim Zähneputzen, Haare kämmen und Anziehen helfen – vielleicht dazu gemeinsam ein schönes Liedchen summen… Ich hatte geplant ein stärkendes Frühstück zu zaubern und umwerfendes Pausenbrot zu machen, sodass die liebenswerte Früchte meiner Lenden geschniegelt, gestriegelt, gesund gestärkt, freudig und lächelnd den Schulweg antreten. Ich wollte den Kindern beim aus-der-Tür-Laufen nachwinken und sie mit einem „Ich liebe Euch“ pünktlich mit dem Manne auf den Weg schicken. Dann hätte ich selbst ein schönes Frühstück genossen, mir die Wiederholung von GZSZ reingezogen, um dann ab 9.00h zu arbeiten. In vollkommener Ruhe… Ganz konzentriert, mindestens vier Stunden ohne Ablenkung.

Der Tag der Befreiung: So fand er statt…

Um 7.30h schubste mich der Mann. „Zu spät. Ich mache die Großen, Du die Kleinen. Jetzt aber los!“ schnorchelte er. Das Baby schnuffelte neben mir. Ich stand auf, Baby schrie. MILCH! Schnell! Ich wackelte ins Bad, das schon nach pubertärem Toilettengang roch. Kind 1 fragte -schon morgendlich erbost-, ob Kind 2 nun auch endlich zur Schule ginge, denn Alles andere wäre SO UNFAIR. Kind 2 bejahte selbst und man kämpfte um den besten Platz am Waschbecken – um sich die Haare zu gelen noch bevor man das Schlafoberteil ausgezogen hat… Kind 3 möchte bitte einen geflochtenen Elsa-Zopf, aber sich auf keinen Fall die Haare kämmen lassen. Kind 4 nölte „Milch alle“ und forderte schon wieder Nahrung. Kein Wunder, dass er sich übergibt… Halbwegs gewaschen und angezogen erschienen sie am Frühstückstisch. Während Kind 1 feststellte, dass seine Kunsthausaufgabe nicht vollständig ist, verschüttete Kind 2 seinen Tee über die soeben angezogene Hose. Kind 3 überlegte noch wie viel rosafarbener Joghurt in sie passen kann, Kind 4 stellte fest „Bäh, regnet“. Um 8.00h waren 50 Prozent der Kinder aus dem Hause – mit 50 Prozent der notwendigen Sachen und/ oder Hausaufgaben. Zumindest konnte ich noch „Ich liebe euch“ hinterherbrüllen, um als Antwort „Wir sind zu spät!“ zu erhalten. Um 8.15h waren Alle auf dem Weg- auch der Mann. Ein Funke Freiheit keimte auf… Um 8.35h kam der Mann wieder – er mache doch Home-Office. Peinlich erwischt knipste ich RTL aus. Also direkt an den Schreibtisch. Um 8.45h – ein Anruf vom Amt: Ich müsse einen Antrag neu stellen, denn auf dem Weg Finder Post- zur Bearbeitungsstelle ging mein Schreiben verloren! Dies kostete mich 75 (!!!) Minuten und 75 Myriaden Nerven. Um 10.00h Telefonkonferenz. Ab 10.30h endlich konzentriertes Arbeiten möglich. Störung durch DHL-Paket für den Nachbarn. Um 11.00h fragte der Mann wann es Mittagessen gäbe, schließlich hätte er kein Frühstück gehabt -wegen des Streß‘! Um 11.40h klingelte es schon wieder. Oh Gott, Kind 2 ist schon wieder von Schule zurück!!!

Wann wird’s mal wieder endlich „normal“?

Das Problem ist, ich weiß, dass es nicht besser wird. Kind 1 geht im wöchentlichen Wechsel bis 14.15h zu Schule, Kind 2 im täglichen Wechsel bis 11.25h. Kind 3 muss so geholt werden, dass ich zur Heimkehr von Kind 1 zu Hause bin. Kind 4 kann ich abholen, wenn Kind 1 im Haus ist. Solange also kein Regelbetrieb in den Schulen beginnt, beginnt auch bei mir kein Regelbetrieb… Kind 2 sitzt just jetzt hinter mir und berichtet, es müsse 23 Seiten Deutsch nachholen, weil es in den „Corona-Ferien“ (!!!) zu wenig erledigt hatte… Und 12 Seiten Mathe. Nun ist er plötzlich konzentriert, liest jede Aufgabe LAUT vor. Ich bin NICHT konzentriert, sondern wundere mich warum Wörter wie “Teekesselchen„ zum aktiven Wortschatz eines Drittklässlers gehören sollen… Dann doch lieber eben gelernte Neologismen wie Social Distancing, Mundschutzgebot, Spuckschutzscheibe oder Zoom-Room…

Dann lerne ich eben am meisten…

In meiner Phantasie hätte es anders kommen sollen. Wieder etwas mehr wie früher, vor der Corona. Aber ich stelle fest: Die neue Freiheit ist in Wahrheit nur eine etwas andere Art des Home-Schoolings. Jetzt muss ich auch noch mich “schoolen“, wie ich mich von ersehnten Freiheiten, von erhofften Verbesserungen verabschieden muss. In diesem Schuljahr wird es keine Normalität für Eltern mehr geben. In diesem Schuljahr werde ich nicht mehr normal und ununterbrochen für einige Stunden arbeiten können. Auch wenn für zwei Tage die Woche alle Kinder aus dem Haus sind – denn selbst dann sind es nur DREI Stunden ohne kindliche Störungen !!!

Liebes konzentriertes Arbeiten, wie sehen uns dann vielleicht im Herbst wieder! Bis dahin vermisse ich Dich weiterhin und mach das Beste draus…

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